Morddrohung gegen Informanten

Völlig überraschend sind wir auf dem Weg nach Flandern. Kurz vor Ende der Dreharbeiten erreicht uns der Anruf eines wichtigen Informanten. Nach zahlreichen Morddrohungen wurde auf ihn ein Attentat verübt. Es passierte auf einer einsamen Landstraße, morgens um sieben.

Gemeinsam mit seinem Fahrer befindet sich Marcel Verfloessen auf dem Weg zum Flughafen. Er hat eine geheime Verabredung mit der italienischen Polizei. Mit im Gepäck sind wichtige Beweisstücke, Disketten und Fotos tausender missbrauchter Kinder.

Kontakte bis ins Königshaus

Der bekannte Kämpfer gegen Kinderpornografie wird verfolgt, ein belgisches und ein französisches Auto nehmen ihn in die Zange und rammen ihn. Verfloessen erzählt: „Diese Attentate sind immer so gut organisiert, dass es niemals Zeugen oder eine Spur gibt. Angeblich sind das immer nur Verkehrsunfälle. Ich bin sicher, dass der belgische Staat dahinter steckt.“ – „Wahnsinn, warum?“, fragen wir ihn. Verfloessen sagt: „Nach dem Skandal um Dutroux hat Belgien gesagt, oh, das wird zu heiß. Kinder, die in Belgien entführt und ermordet werden, das können wir nicht nach draußen lassen. Dazu waren die Namen, die beschuldigt wurden, zu bekannt. Zum Beispiel Nihoul, Kontakte ins Königshaus – das konnte man nicht haben.“

Vor zwei Jahren wurde bereits eine Freundin ermordet, die eng mit ihm gegen das Netz belgischer Kinderpornos gekämpfte hat, erzählt uns Marcel Verfloessen. Auch Gina starb bei einem Autounfall, auch sie wurde nach Morddrohungen gerammt, auch von einem französischen und einem belgischen Wagen.

„Ein Skandal“

Wenn Verfloessen den Ermittlern Beweise übergibt, wird gegen ihn Anzeige wegen Besitzes pornographischen Materials erstattet. 45 Mal wurde sein Haus durchsucht, die Spuren der Täter aber nie verfolgt: „Sehen Sie, die Täter sind zu erkennen, sie sind im Bild,“ sagt Verfloessen. Die Justiz sage, es gebe kein Problem.

„Das ist ein riesiger Skandal“, fährt Verfloessen fort. „Belgien sagt offiziell, es gibt keine Kinderpornoringe, trotz all der Beweise. Dafür müsste Belgien international der Prozess gemacht werden. Eine internationale Kommission müsste untersuchen, warum Belgien alle Ermittlungen blockiert, sabotiert, warum nichts gemacht wird.“

Akteneinsicht in Neufchateau

Es dauert nicht lange, sagen uns die Beamten, zehn Minuten, vielleicht eine halbe Stunde, danach wird Dutroux zurück ins Gefängnis nach Arlon gebracht.

Der Anwalt von Dutroux drängt nun auf ein Ende der Untersuchungshaft. Noch immer sind die Ermittlungen nicht abgeschlossen, erst in Jahren wird es zu einem Prozess kommen, glaubt die Verteidigung. Nur seine Frau und ein Komplize stehen mit Dutroux noch unter dringendem Tatverdacht.

Dutroux – ein Einzeltäter?

Dutroux, das Monster, Dutroux der isolierte perverse Einzeltäter. Das wäre für Belgien am bequemsten. Dann gäbe es keine Hintermänner, nach denen man suchen muss. Keine Auftraggeber, die das Geld haben, Kinder, wie im Katalog zu bestellen und danach verschwinden zu lassen. Keinen Filz von Justiz und Politik, den es aufzudecken gilt.

Fünf Jahre nach den Morden an Julie und Melissa, an An und Eefje, liegt der Prozess immer noch in weiter Ferne.

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