„Der nächste Weltkrieg könnte von den USA ausgehen“ (12.03.2003)

Der amerikanische Journalist und Schriftsteller Paul Moor lebt und arbeitet seit 1949 vornehmlich in Europa. Er arbeitete als Korrespondent für „Time“, „Life“, die „Times“, die „International Herald Tribune“, den Sender CBS und zahlreiche andere Medien. Heute lebt er in Berlin.

tagesschau.de: War das deutsch-amerikanische Verhältnis nach dem Krieg schon einmal schlechter als heute?

Paul Moor: Nein. Ich lebe mit einer einzigen Unterbrechung seit 1951 in Deutschland und mir fällt keine Periode ein, in der es schlimmer war. Es ist eine traurige Ironie: Nach dem Krieg gab es die Frage, ob sich ein Phänomen wie der Zweite Weltkrieg durch die „war-like germans“, die kriegslüsternen Deutschen wiederholen könnten – als ob sie einen Virus im Blut hätten, der Krieg auslöst.

Jetzt sind es die Amerikaner, die die Deutschen drängen, in den Krieg zu ziehen. Solche Phänomene wie die Website „germanystinks.com“ sind erschreckend und gleichzeitig exemplarisch für den Rutsch nach Rechts in Amerika: Gerade wurde eine Statistik der New York Times veröffentlicht, nach der 58 Prozent der US-Bürger den Vereinten Nationen ein schlechtes Zeugnis für die Bewältigung der Irak-Krise ausstellen – 10 Prozent mehr als noch vor einem Monat. 55 Prozent würden eine Irak-Invasion ohne Unterstützung des Weltsicherheitsrats unterstützen.

Zur Zeit des letzten Golfkriegs war ich in San Francisco. Ich erinnere mich ganz genau: Damals regierten ganz viel Leute so, als ob der Krieg ein Football-Spiel war. Das Niveau des Denkens ist wirklich verheerend. Heute ist es noch schlimmer: Die Bevölkerung ist oberflächlich und schlecht informiert. Die Medien sind fast ohne Ausnahme weit nach rechts gerutscht. Der jetzige Zustand hat dafür gesorgt, dass die Verhältnisse zwischen Deutschland und den USA am Boden sind.

tagesschau.de: Wird der momentane Konflikt die Weltlage dauerhaft prägen oder nur Episode bleiben?

Paul Moor: Ich habe den Eindruck, dass die breite Masse in Amerika völlig vergessen hat, was Krieg ist und was für Folgen er hat. Das kann blitzschnell zum Dritten Weltkrieg führen. Was mich am tiefsten deprimiert ist: Wenn es jemals möglich sein wird, über einen Dritten Weltkrieg zu berichten, ist es wahrscheinlich, dass ein Amerikaner dafür verantwortlich sein wird.

tagesschau.de: Ist diese Entwicklung an bestimmte Personen gebunden?

Paul Moor: Es ist dieser hirnrissige Bush! Er gehört zu den „born again christians“, den „Wiedergeborenen Christen“. Zu seiner Zeit, als er noch Gouverneur von Texas war, hatte er gesagt, dass er fest daran glaube, dass Gott wolle, dass er als Präsident kandidiere. Er ist fest davon überzeugt, dass er den Willen Gottes erfüllt und Gott auf seine Seite hat. Das ist gemeingefährlich – es ist eine Variante von Geistesstörung.

tagesschau.de: Wie konnte er dann Präsident werden?

Paul Moor: Weil ein großer Prozentsatz der amerikanischen Bevölkerung ähnlich denkt. Viele europäische Freunde haben mich gefragt, warum US-Politiker – gleichgültig ob es sich um Demokraten oder Republikaner handelt – Reden mit „God bless you“, Gott segne Euch, beenden, Es gehört halt zum amerikanischen Denken.

tagesschau.de: Warum äußert sich dieses Denken gerade jetzt so extrem?

Paul Moor: Es ist in der Tat schlimmer als je zuvor: Für Bush und seine Kumpanen ist es ein heiliger Kreuzzug. Und wie das der Bevölkerung verkauft haben – das ist Madison Avenue in Aktion.

tagesschau.de: Also vornehmlich PR und Manipulation?

Paul Moor: Adolf Hitler soll gesagt haben: Wenn man eine Lüge oft und lange genug wiederholt hat, wird sie geglaubt. Das ist jetzt der Fall mit der Behauptung, dass Saddam Hussein für den 11. September verantwortlich ist – obwohl nichts dafür spricht. Diese Tatsachen sickern jedoch nicht durch.

tagesschau.de: Wird es ein Auflösen der transatlantischen Allianz, ein Auseinanderdriften von USA und Europa geben, so wie es vom britischen Premier Blair befürchtet wird?

Paul Moor: Die Möglichkeit kann man nicht ausschließen. Das nächste Frist läuft am Montag aus. Wer weiß heute, wie die Welt in acht Tagen aussehen wird?

Das Gespräch führte Wulf Rohwedder, tagesschau.de

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