„Das MfS hat sich aller Methoden bedient“

Die ARD hat eine Stasi-Studie über sich selbst in Auftrag gegeben. Neun Wissenschaftler recherchierten mehr als zwei Jahre lang. Einer davon ist Hannes Schwenger, der die Arbeit der West-Korrespondenten in der DDR untersuchte. tagesschau.de sprach mit ihm über Ergebnisse, Überraschungen und Konsequenzen der Studie.

tagesschau.de: Müssen nach dieser Studie Teile der bundesdeutschen Mediengeschichte neu geschrieben werden?

Schwenger: Die Gefährdung der bundesrepublikanischen Publizistik durch die Einwirkung der Staatssicherheit ist nicht neu. Das MfS hat versucht, die Medien der Bundesrepublik zu überwachen, in sie einzudringen, auch Leute einzuschleusen. Dabei hat sie zum Teil Erfolg gehabt, aber auch Misserfolge verzeichnet. Das haben wir in der Studie durchleuchtet.

Wir haben die Untersuchung in aller Breite durchgeführt und unter Ausschöpfung des jetzt vorhanden Materials. Ich vermute, es wird nicht mehr viel dazu kommen. Wir haben ja selbst die Rosenholz-Dateien einbeziehen können – natürlich mit allen Beschränkungen, die gewiss da sind. Zudem hat die Birthler-Behörde für uns alles herausgeschaufelt, was sie finden konnte – bis hin zu so schrecklichen Dingen wie der Internierungsliste. Es war ja vorgesehen, dass im Konfliktfall alle Korrespondenten in der DDR interniert werden würden. Insofern ist diese Arbeit nicht der endgültige Abschluss, aber eine Vertiefung.

Und sie mag dafür Maßstäbe vorgeben für die Weiterarbeit, z. B. was das ZDF angeht, aber auch für die Printmedien und andere Medien, die in der DDR vertreten waren.

tagesschau.de: Was waren die entscheidenden Ergebnisse hinsichtlich der westdeutschen Korrespondenten in der DDR?

Schwenger: Überraschend war für viele vielleicht, dass im Bereich der ständigen Korrespondenten, die man kannte – wie Lutz Lehmann, Fritz Pleitgen oder andere – die Staatssicherheit keinen Fuß in die Türe bekommen hat. Das hat sie aber auch selbst so eingeschätzt, nach dem Motto, diese Journalisten sind hart gesottene Profis, gut bezahlt und ausgebildet sowie ideologisch von den Vorzügen der westlichen Demokratie überzeugt. An die kommen wir kaum heran.

Aber dann kamen ja auch die Reisekorrespondenten und jene Korrespondenten ohne Auftrag, nur mit einem Touristenvisum ausgestattet. Dort hat die DDR erkannt, dass sie bei diesen Journalisten einen besseren Einstieg hat. Da gelang es, Anknüpfungspunkte zu finden bzw. einen Teil der Reisekorrespondenten einzuwickeln, indem sie ihnen getürkte Informationen und vorbereitete Gesprächspartner zugespielt haben.

Darüber hinaus gab es im Vorfeld der Studie die Erwartung, dass gerade Korrespondenten aus der linken Szene der Bundesrepublik geneigt gewesen sein könnten, der DDR gefällig zu sein. Das hat sich nicht bestätigt. Es hat sich sogar herausgestellt, dass konservativere Journalisten eher geneigt waren, die DDR mit freundlicheren Augen zu sehen.

tagesschau.de: Kamen neben den bereits bekannten Methoden der Stasi, wie Postkontrollen, Wohnungseinbrüche, Übergriffe noch andere Abschöpfungsversuche ans Tageslicht?

Schwenger: Es ist tatsächlich alles versucht worden, wie z. B. die Schaffung von unwahren Behauptungen und Darstellungen über missliebige Personen. Das MfS hat sich dabei aller Methoden bedient, wie bspw. der Einschleusung von zweifelhaften Damenbekanntschaften oder der Ausnutzung von kommerziellen Interessen etc. Die Aktivitäten waren so flächendeckend, dass einem manchmal ziemlich schaurig zu Mute war.

tagesschau.de: Welche typischen Formen der Überwachung von Korrespondenten durch die Stasi hat es gegeben?

Schwenger: Alle Einrichtungen der DDR, die mit den Journalisten zusammengearbeitet haben, waren durchsetzt mit Offizieren im besonderem Einsatz (genannt OibE), und mit Inoffiziellen Mitarbeitern (IM). Praktisch sind alle Betreuer, die mit Journalisten durch die DDR reisten, gegenüber der Staatssicherheit berichtspflichtig gewesen und haben diese Aufgabe mehr oder weniger getreu wahrgenommen.

tagesschau.de: Wie muss man das verstehen?

Schwenger: Man muss sich das wie eine Gemengelage vorstellen. Als Journalist war man ja darauf angewiesen, mit den Betreuern zusammenzuarbeiten. Nur dann durfte man die meisten journalistischen Vorhaben in der DDR überhaupt durchführen. Andererseits sollten diese Betreuer aber auch die Journalisten „abschöpfen“.

Man kam sich also näher und dann gab es zwei Möglichkeiten: Entweder zog der Betreuer den Journalisten über den Tisch und hat ihm einen Bären aufbinden können. Oder der Korrespondent hat das Umgekehrte getan und hat die kleinen Hilfestellungen des Betreuers ausgenutzt. Nach meinem Eindruck ist meistens das Letztere geschehen, d. h. die Korrespondenten haben es verstanden, sich gegen die Betreuer durchzusetzen.

Das Interview führte Judith Hinrichs, tagesschau.de

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