„Gebrandmarkt als Todesraser“

Von ARD-Hörfunkkorrespondent Michael Reissenberger

Der Karlsruher Richter Harald Kiwull und seine beiden Schöffinnen haben sehr bewusst kein Exempel statuiert. Sie haben sich den Angeklagten sehr genau angesehen. Haben ihm zwar seine Lügengeschichten nicht geglaubt. Aber auch erkannt, dass dieser Mann, der nach ihrem Urteil zwei junge Menschenleben auf dem Gewissen hat, unter den Folgen der Tat sehr leidet. Dass er in Sekundenbruchteilen auch sein Leben verpfuscht hat: Presseterror über Monate, Arbeitsplatzverlust, auf lange Zeit gebrandmarkt als Todesraser.

So wie im Karlsruher Gerichtssaal – auch beim zweiten Durchgang – vor aller Augen der Angeklagte F. als Täter identifiziert worden ist, hat man sich schon über seine Verteidigungsstrategie gewundert. Der immense Verhandlungsaufwand der Polizei und vor allem zwei höchst zuverlässige Zeugen, die für jeden Staatsanwalt und für jedes Gericht einen Glücksfall darstellen, haben die Anklage gegen den Mercedes-Versuchsingenieur solide unterfüttert. Da erschien etwa die öffentlich verkündete Vermutung des Verteidigers, die verunglückte junge Frau habe möglicherweise in der fraglichen Sekunde einen Handy-Anruf erhalten, geradezu frivol.

„Wie eine gesengte Sau“

Dem Todesopfer ist auch kein Fehlverhalten vorzuwerfen, verdeutlichte Richter Kiwull. Wer gerade – wie sie – einen Überholvorgang beendet hat, muss nicht schon in der nächsten Sekunde mit einem Raser rechnen, der sich mit Verlaub, wie eine gesengte Sau annähert.

Das Urteil liegt im Rahmen von Urteilen vergleichbarer Tathergänge. 12.000 Euro Geldstrafe, zu zahlen an Unfallopferverbände, treffen den jetzt einkommenslosen Angeklagten ebenfalls empfindlich. Man hofft allerdings, dass hier der Staat nicht vor den Verwandten der Opfer abkassiert. Das wäre die übliche Gedankenlosigkeit des Staates.

Autobahn und Teststrecke verwechselt

Ein Wort aber noch zum „Krieg“ auf den Straßen, an dem sich der Arbeitgeber des Angeklagten in Person seiner Versuchs-Ingenieure offensichtlich heftig beteiligt. Im Karlsruher Gerichtssaal wurde deutlich, wie wenig Mercedes Benz diese „PS-wilde Truppe“ kontrolliert. Und dass firmenintern schon seit Jahren bekannt ist, dass hier mancher Autobahn und Teststrecke zu verwechseln scheint. Das macht einen – je nach Temperament – wütend oder traurig. Der Firma DaimlerChrysler wäre dringend anzuraten, solchen Spuk auf öffentlichen Straßen effektiv zu kontrollieren und abzustellen. Und damit auch die Bevölkerung zwischen Sindelfingen und Papenburg zu beruhigen.

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