Der Mann im Frauenkörper

Von Dieter Sauter, ARD-Korrespondent in Istanbul

Istanbul am Abend. Auf offener Straße prügelt ein Mann auf eine Frau ein. Die beiden kennen sich, wahrscheinlich sind sie verheiratet. Mitten ins Gesicht schlägt er sie, zerrt an ihren Haaren, bis sie eine kurze Unachtsamkeit ausnutzt, um wegzurennen.

Alltägliche Gewalt gegen Frauen

Eine schlimme Szene, und doch: Gewalt gegen Frauen ist in der Türkei trauriger Alltag. Laut Statistik schlägt die Mehrheit aller türkischen Ehemänner ihre Frauen mehr oder weniger regelmäßig – auch Doktoren und Professoren übrigens. Und viele Frauen wehren sich nicht einmal: Bei einer neuen Umfrage der Universität Istanbul sagten sogar fast 40 Prozent der Frauen, dass Frauen wohl ab und zu eine Ohrfeige von ihrem Mann verdient hätten. Die türkischen Zeitungen titelten sogleich mit der Überschrift: „Die Frauen kriegen zurecht von ihren Männern Prügel!“.

Und kommt es doch zur Anzeige, sagt der Schläger nachher der Polizei in der Regel, das sei eine Privatangelegenheit, die niemanden etwas anginge. Damit kommen die Meisten auch durch.

Als falscher Mann unter Männern

Auch alleinstehende Frauen sind Opfer von Misshandlung und Vergewaltigung. Solche Erlebnisse haben das Leben von Yeter Tayyar grundlegend verändert. Yeter Tayyar ist eine Frau, die von sich selbst sagt: „Ich war eine Frau.“ Seit mehr als 25 Jahren trägt sie Männerkleidung. Damals starb ihr Mann. Zunächst wollte sie als verwitwete Frau arbeiten gehen und das Transportgeschäft ihres Mannes übernehmen. Irgendwie mussten ja die Kinder durchgebracht werden. Doch schnell stellte sie fest: Das geht nur „als Mann“.

Es ist kein leichtes Leben, das sie führt, sagt Yeter Tayyar. „Ich sehe Frauen, die mit ihren Männern glücklich sind – für mich ausgeschlossen.“ Denn sie habe ihren Kindern „weder richtig Mutter noch richtig Vater“ sein können. Was bleibt, sind Erinnerungen. Im Kleiderschrank hat sie ihr früheres Leben aufbewahrt: die Frauenkleider von einst, die sie trug, als ihr Mann noch am Leben war. Sie wird sie wohl nicht mehr brauchen.

Rollentausch aus Angst

Früher, als alleinstehende Frau, erzählt Yeter, sei sie immer wieder wie eine Nutte behandelt worden. Schließlich habe sie um ihr Leben gefürchtet. Auch deshalb sei sie in die Rolle eines Mannes geschlüpft.

In der Männerwelt der zentralanatolischen Stadt Kayseri lebte Yeter Tayyar fast 25 Jahre unerkannt – als Mann. Inzwischen wissen einige Wenige im Ort über ihr Schicksal Bescheid. Doch der Friseur, der ihr die Haare schneidet, weiß bis heute nicht, dass es Frauenhaare sind, durch die seine Hände gleiten.

Inzwischen handelt Yeter mit Altwaren, altem Eisen und Metall – auch so ein typischer Männerberuf. Seit Jahren ist der Rollenwandel perfekt, sie traut sich nur noch auf die Herrentoilette, denn auf der Frauentoilette sei sie einmal als Spanner beschimpft worden. Sie ist sich sicher: „Ohne diesen Rollenwechsel hätte ich meine Kinder ins Heim geben müssen.“

„Mein eigenes Leben ging drauf – den Kindern zuliebe“

Sechs Kinder hat sie großgezogen, und alle durchgebracht, berichtet Yeter nicht ohne Stolz. Alle waren beim Militär, wie es sich gehört. Wie in einer ganz normalen Familie. Inzwischen hat sie schon zwölf Enkelkinder. Und doch: Die Normalität, die sie durch ihren Geschlechtertausch dem Nachwuchs ermöglichte, hat sie selbst nicht erleben dürfen: „Mein eigenes Leben ging dabei drauf – ich wünsche keinem, dass er so leben muss wie ich“, sagt sie.

Ein befreundetes Ehepaar kommt zu Besuch: Der Mann küsst Yeter die Hand wie das nur einem älteren Familienoberhaupt zukommt. Doch die anderen Familienmitglieder schämen sich und wollen sich nicht zusammen mit Yeter zeigen. Auch das ist ein Stück bittere Normalität im Leben von Yeter Tayyar.

Die oft vergebliche Suche nach Solidarität

Unterstützung erfährt sie von alten Freundinnen wie Tülya Sarikaya. Die ahnt, wie schwer das Leben für ihre Freundin seit vielen Jahren sein muss. „Ich kann Yeter nur bewundern für das, was sie getan hat; die Kinder unter diesen Bedingungen aufzuziehen. Eine alleinstehende Frau hat es wirklich schwer – das alles ganz allein ohne Hilfe.“

In Kayseri sind die Meinungen über Yeter Tayyar geteilt. Die einen haben sie unlängst zur Mutter des Jahres gewählt. Und auch der Bürgermeister empfängt sie. Das liegt aber vor allem daran, dass sie mit einem deutschen Kamerateam auftaucht. Von einem wirklichen Interesse der breiten Öffentlichkeit an den Motiven und den Problemen, die dem Rollentausch zugrunde lagen, kann keine Rede sein. Türkische Frauenorganisationen klagen deshalb, die offizielle Männerwelt wolle die Probleme der Frauen nicht einmal zur Kenntnis nehmen.

Nur ganz langsam beginnt ein Umdenken in der Gesellschaft. Die Regierung in Ankara hat kürzlich eine Reform verabschiedet, wonach der Mann nicht mehr per Gesetz der „Haushaltsvorstand“ ist, dessen Frau ohne seine Genehmigung nicht einmal eine Arbeit außer Haus annehmen darf.

Männer wiegeln gerne ab

Auf die Probleme vor Ort angesprochen, beschwichtigt Mehmet Ozhaseki, der Bürgermeister von Kayseri, und wiegelt ab: „Eigentlich fühlen sich bei uns doch alle Frauen wohl, das mit Yeter ist wirklich eine krasse Ausnahme. Bei uns arbeiten doch viele Frauen alleine auf den Feldern und werden nicht belästigt – keiner tut unseren Frauen etwas.“

Für Yeter Tayyar müssen solche Worte wie Hohn klingen, sie kann die Worte des Bürgermeisters so nicht stehen lassen. „Schauen Sie mich an“, sagt sie zu dem Ortsvorsteher, „mein Leben ist verpfuscht, ich kann inzwischen nicht einmal mehr richtig meinen Kindern unter die Augen treten.“

Doch zumindest für einige wenige Frauen gibt es einen Hoffnungsschimmer. Es ist für Anatolien eine kleine Sensation: Eine Frauengruppe hat in zwölf kleinen Gemeinden auf dem flachen Land einen regelmäßigen Gesprächskreis für Frauen eingerichtet. So etwas war vor wenigen Jahren hier noch unvorstellbar. Zu Besprechen gibt es vieles, nicht zuletzt das Thema häusliche Gewalt.

„Jede von uns wird zu Hause geohrfeigt – aber über sowas redet man sonst nur mit der besten Freundin“, berichtet eine Teilnehmerin. Aber was soll man schon dagegen tun?, klagen die Frauen. Es gebe so viele praktische Probleme. „Ich bin sechzig Jahre alt“, sagt eine Frau aus dem Dorf, “ wie soll ich denn leben, wenn ich meinen Mann verlasse? Wenn wir unsere Männer anzeigen und die dann eingesperrt werden, wie sollen wir dann über die Runden kommen.“

Nicht zuletzt wegen solcher Ängste liegt die Scheidungsrate in der Türkei gerade mal bei 10 Prozent von der in Deutschland.

„Dein Opa ist eine Oma“ – werden die Enkel gehänselt

Eine Mitarbeiterin des Frauenprojektes weiß um die Probleme der Frauen. Viele hatte sie nur schwer oder auch gar nicht überreden können, überhaupt zum Gesprächskreis zu kommen. Oft habe sie Fragen hören müssen wie: „Was soll das denn bringen, wenn wir hier reden?“ Ändern lasse sich doch sowieso nichts an der für viele Frauen schlimmen Situation.

„Für mich wird sich nicht mehr viel ändern“, zeigt sich auch Yeter Tayyar überzeugt. Sie passt nun ab und an auf ihre Enkel auf. Für die Kleinen wurde die Situation erst schwierig, seitdem einige ihrer Mitschüler wissen, dass der Opa eigentlich eine Oma ist. Nicht selten werden die kleinen Enkelkinder deshalb gehänselt.

Kleiner Sieg bei hohem Einsatz

Im Kaffeehaus am Ort ist Yeter oft zu Gast: Als falscher Mann unter Männern. Die Männerwelt, die hier ohne es zu wissen mit einer Frau am Tisch sitzt, hat zwar schon mal Gerüchte gehört über die Frau, die in Männerkleidung herumläuft, aber verstehen kann das natürlich keiner. „So was ist doch nicht normal“, empört sich einer. „Was soll das denn: Ein Mann ist ein Mann, und der soll auch so leben, und eine Frau soll natürlich auch wie eine Frau leben.“ Yeter Tayyar hört schweigend zu.

Und zu guter Letzt gewinnt Yeter sogar noch am Spie
ltisch – doch es ist nur ein kleiner Sieg bei einem hohen Einsatz.

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