„Jeder sollte sich den Spendenaufruf durchlesen“

Das Deutsche Zentralinstitut (DZI) für soziale Fragen vergibt ein Spenden-Gütesiegel an seriöse Hilfsorganisationen. Derzeit haben 187 Organisationen ein DZI-Spendensiegel. DZI-Geschäftsführer Burkhard Wilke erklärt gegenüber tagesschau.de was mit den Spenden besonders jetzt für die Seebebenopfer in Südasien geschieht.

tagesschau.de: Die Hilfsorganisation „Ärzte ohne Grenzen“ hat ihre potenziellen Spender gebeten, statt einer stichwortgebundenen Spende für das Seebeben „frei“ zu spenden. Ist denn schon zu viel Geld für die Opfer der Flutkatastrophe gespendet worden?

Burkhard Wilke: Es ist sicher richtig und wichtig, dass sich jede Organisation einzeln fragt, wie viel Geld sie einwerben und im Sinne ihrer Zielsetzung und Kapazität sinnvoll verwenden kann. Wenn einzelne Organisationen entscheiden, dass sie genug bekommen haben, heißt das aber auf keinen Fall, dass insgesamt nicht weitere Spenden notwendig wären. Das ist nur ein Zeichen dafür, dass die jeweilige Organisation sehr verantwortungsbewusst ihre eigenen Fähigkeiten und Grenzen im Blick hat.

Nach allem, was wir wissen, ist die Not so groß, dass es fahrlässig und absolut verantwortungslos wäre, generell den Eindruck zu erwecken, als wären Spenden nicht mehr notwendig. Jeder Spender sollte sich aber vorher den Spendenaufruf der jeweiligen Organisation durchlesen und fragen: Wird da plausibel begründet, was diese Organisation zu tun gedenkt?

tagesschau.de: Wenn man einer Hilfsorganisation eine Spende unter einem bestimmten Stichwort zukommen lässt – etwa unter „Seebeben“ – dann darf sie dieses Geld unter keinen Umständen für andere Zwecke verwenden?

Wilke: Das Entscheidende ist der Spendenaufruf der Organisation. Wenn da drin steht: Falls wir für diesen Zweck mehr Geld einnehmen als erforderlich, werden wir es für ähnliche Zwecke verwenden, dann hat diese Organisation mehr Möglichkeiten. Aber die Organisationen, die in den Medien unter dem Stichwort „Seebeben“ um Spenden werben, dürfen diese dann auch nur für den Zweck verwenden. Ausnahmen sind angemessene Verwaltungsaufwendungen.

„Bürokratie hat auch etwas Gutes“

tagesschau.de: Bei den von Ihnen zertifizierten Organisationen ist die Seriosität verbürgt. Dennoch fragen viele Spender immer wieder: Woher weiß ich, dass mein Geld nicht in irgendwelchen bürokratischen Kanälen versickert?

Wilke: Bürokratie hat auch etwas Gutes, insoweit es sich um sinnvolle und notwendige Verwaltung handelt. Hilfe muss organisiert werden. Wir stellen oft fest, dass beträchtliche Summen wegen fehlender Verwaltungskompetenz in falsche Kanäle gehen und weil niemand den Überblick hat. Möglicherweise geht dabei mehr Geld verloren als durch kriminelle Energie zweckentfremdet wird. Auf der anderen Seite gibt es natürlich das Problem der zu großen Bürokratie.

Das ist bei der Vergabe unseres Spendensiegels ein Prüfungskriterium. Die Mittelverwendung muss sparsam und wirtschaftlich sein. Ein übertriebenes Gehalt für einen Geschäftsführer oder unangemessen viele Zweigstellen sind nicht drin. Mehr als 35 Prozent des Gesamtetats sollten nicht für Werbung und Verwaltung verausgabt werden. Der tatsächliche Anteil liegt bei den Siegel-Organisationen allerdings im Durchschnitt bei 15 Prozent.

tagesschau.de: Hilfsorganisationen loben das hohe Spendenaufkommen für die Opfer der Flutkatastrophe, befürchten aber auch, dass für andere Krisenherde gar nicht mehr gespendet wird. Ist das ein Argument dafür, dass man gegen den Trend spenden sollte?

Wilke: Das muss jeder für sich entscheiden. Ich halte die Überlegung für wichtig, aber sie sollte aktuell für Südasien keine Spenden verhindern. Für viele besteht nicht die Alternative: Spende ich für Südasien oder beispielsweise Notleidende in Lateinamerika. Entweder sie spenden für Südasien oder zurzeit überhaupt nicht. Man darf jetzt nicht die Interessen der Notleidenden gegeneinander ausspielen.

„Geldspenden sind immer flexibler“

tagesschau.de: Als Deutschland im Sommer 2002 vom Hochwasser betroffen war, waren auch Sachspenden willkommen. Im aktuellen Krisenfall wird davon abgeraten. Warum?

Wilke: Sachspenden sind mit Transportkosten verbunden. In Deutschland waren die Bedürftigen sehr viel einfacher erreichbar. Es war auch sehr viel schneller klar, welche Art Sachspenden benötigt wurden. Und trotzdem ist es auch in Deutschland in nicht unbeträchtlichem Maße zu Fehlleitungen von Sachspenden gekommen. Geldspenden sind immer flexibler, gerade wenn die Lage so unübersichtlich ist wie in Südasien.

tagesschau.de: Immer wieder gibt es Meldungen aus dem Krisengebiet, die besagen, dass die Hilfe für die Betroffenen nur schleppend vorankommt. Mancher mag da ungeduldig werden und auf eigene Faust losreisen. Macht so was Sinn?

Wilke: Das wäre das Falscheste, was man machen kann. Man kann und muss jetzt den Hilfsorganisationen und den Helfern vor Ort vertrauen. Es muss auch jede einzelne Organisation für sich sehr sorgfältig überprüfen, ob sie selber dorthin geht, oder sich nicht lieber mit einer Organisation zusammen tut, die schon vor Ort ist. Jeder sollte sich vor Hybris oder einer Ferndiagnose hüten. Die Erfahrung lehrt: Bei Katastrophen dieser Größenordnung gibt es immer auch Trittbrettfahrer.

Das Interview führte Frank Thadeusz

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