Rom will von USA „Wahrheit und Gerechtigkeit“

Von Jörg Seisselberg, ARD-Hörfunkstudio Rom

Fast eine dreiviertel Stunde nahm sich der italienische Außenminister Gianfranco Fini Zeit, um Phase für Phase, Detail für Detail darzulegen, was sich am vergangenen Frei­­­tag in Bagdad abge­spielt hat. Die Bilanz seines Auftritts vor dem Parlament in Rom: Die Darstellung Washingtons zum Tod des Geheimdienstagenten Nicola Calìpari ist aus der Sicht der italieni­schen Regierung in zentralen Punkten falsch.

Fini widersprach der Behauptung der USA, ihre zuständigen Stellen im Irak seien nicht beziehungs­weise nicht rechtzeitig über die Ankunft der italienischen Agenten mit der freigelassenen Geisel Giuliana Sgrena informiert gewesen. Fini sagte, der später von US-Soldaten erschossene Geheimdienstmann Calìpari selbst habe mit den US-Verantwortlichen des Bagdader Flughafens telefoniert und „alle notwendigen Kontakte mit den amerikanischen Behörden herge­stellt“.

Wagen fuhr laut Fini höchstens 40 Stundenkilometer

Auch die entscheidenden Sekunden vor den Schüssen der US-Soldaten haben sich laut Fini anders abgespielt als von Washington dargestellt. Der Wagen mit Giuliana Sgrena und den beiden italienischen Geheimdienst­männern sei zunächst rund 70 Stundenkilometer schnell gefah­ren, sagte Fini.

Kurz vor der Stelle, an der es zu der Schießerei kam, befindet sich laut Fini eine fast rechtwinklige Kurve. Deswegen habe der Fahrer gebremst. „Während dieses Manövers fuhr der Agent Sismi, der am Steuer saß, auf der linken Spur, weil die rechte über­schwemmt und durch zwei Zementblöcke versperrt war“, sagte Fini. Das Auto könne maximal 40 Stundenkilometer schnell gefahren sein.

Ein Tempo von höchstens 40 Stundenkilometern – das widerspricht nach italie­nischer Ansicht der Behauptung Washingtons, die Soldaten hätten ge­schossen, weil der Wagen zu schnell war. Falsch ist aus der Sicht Roms auch die Erklä­rung des Pentagons, die Italiener hätten nicht reagiert, als sie von den Soldaten aufgefordert wurden zu halten. Als sich der Wagen der Italiener in der Kurve befand, sei in ungefähr zehn Meter Entfernung ein starkes, schein­werfer­artiges Licht angegangen, schilderte Fini die italienische Version: „Bei dem folgenden Bremsmanöver und dem fast sofortigen Stillstand des Autos ist aus wahrscheinlich mehreren automatischen Waffen für circa 10-15 Sekunden geschos­sen worden.“

Tod des Agenten war für Rom „tragischer Unfall“

Der Fahrer, auf dessen Aussagen Finis Schilderungen weitgehend beruhen, habe sich danach in zehn Meter Entfernung vom Auto hinknien müssen. Als die Amerikaner feststellten, dass es sich bei den Beschossenen um Italiener handelt, hätten sich, so Fini, zwei junge Soldaten bei dem Fahrer entschuldigt.

Der Außen­minister forderte Washington auf, die Verantwortlichen für den Tod Calìparis zu identifizieren und zu bestrafen. Italien verlange „Wahrheit und Gerechtigkeit“, sagte Fini. Gleichzeitig betonte Fini, dass es sich bei den Schüssen der US-Soldaten nach Ansicht der italieni­schen Regierung um einen tragischen Unfall handele. Für die Behauptung Sgrenas, die Ameri­kaner hätten absichtlich geschossen, gebe es keinen Grund.

An die Opposition appellierte der Außenminister, den Vorfall nicht für eine anti-amerikanische Kampagne zu nutzen. Die Präsenz der italienischen Soldaten im Irak ist laut Fini durch den Tod Calìparis nicht in Frage gestellt.

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