Freie Information – in China ein Fremdwort

Die Taiwan-Frage, das Waffenembargo der EU oder die Verfolgung von Dissidenten: Fernsehjournalisten in China würden es nicht wagen, darüber zu berichten. Und bei Sendungen ausländischer Stationen bleiben oft die Fernsehbildschirme dunkel. Journalisten und Verleger in China testen jeden Tag aufs Neue die Grenzen der Meinungs- und Informationsfreiheit.

Kerstin Lohse, ARD-Hörfunkstudio Schanghai

Wer das erste Mal vor einem chinesischen Zeitungskiosk steht, wird sich wundern, welche Vielfalt ihm inzwischen entgegenstrahlt. Von Tages- und Wochenzeitungen über Hochglanz-Modehefte aller internationalen Anbieter sowie Auto- und Sportzeitschriften bis hin zu anspruchsvollen Wirtschaftsmagazinen ist alles vorhanden. Immer bunter, immer frecher darf es zugehen. Nicht nur in die Aufmachung und die Fotos investieren Verlage im Kampf um neue Leser inzwischen riesige Summen, sondern auch in die Berichterstattung.

unknown style: 33643392-2d97-4804-8ad5-e08d75af0ad3

Der Irakkrieg, die Tsunami-Katastrophe oder die Gedenkfeiern zum 8. Mai dieses Jahres – all dies fand und findet neuerdings auch in chinesischen Zeitungen statt. Immer häufiger schicken Chefredakteure Reporter ins Ausland, um mit aufwändig recherchierten Exklusivgeschichten aufzutrumpfen.

Offenheit mit Grenzen

Die Vielfalt wächst, doch wer den Berg von Publikationen einmal durchgeht, merkt schnell, dass die neue Offenheit ihre Grenzen hat. Sobald es um Systemkritik geht, ist es mit der Pressefreiheit vorbei. „China ist ein großes Land, mit einer sehr ungleichmäßigen wirtschaftlichen Entwicklung“, versucht Chen Baoping, der für ein Shanghaier Verlagshaus arbeitet, dies zu erklären. Die Öffnung der Medien könne nur in kleinen Schritten voranschreiten, weil viel davon abhänge. Manchmal sei es entscheidend, der gesellschaftlichen Stabilität den Vorrang zu geben, um die weitere Entwicklung nicht zu behindern. „Der Trick ist der, dass man die Grenzen kennen muss.“

Das Propagandaministerium hat das letzte Wort

Auch mehr als 25 Jahre nach Beginn der Reform- und Öffnungspolitik gilt: Das letzte Wort spricht noch immer das Propagandaministerium. So durfte die staatliche Nachrichtenagentur Xinhua beispielsweise über den Tod des 1989 in Ungnade gefallenen Parteivorsitzenden Zhao Ziyang im Januar nur eine kleine Notiz veröffentlichen. Solange das Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens nicht aufgearbeitet wurde, darf auch nicht in Rückblicken daran erinnert werden.

Wer in Ungnade fällt, wird bestenfalls totgeschwiegen

Intellektuelle, die sich zu weit vorwagen, müssen damit rechnen, dass die offiziellen Medien sie tot schweigen. Diese Erfahrung mussten auch die beiden Soziologen Chen Guidi und Wu Chuntao aus Anhui machen, die in ihrem Bauernreport die Lage der rund 900 Millionen Menschen auf dem Land schildern. In ihrem Anfang 2004 erschienenen Buches prangern sie die enormen Ungerechtigkeiten an, mit denen die Bauern seit Beginn der Reform- und Öffnungspolitik zu kämpfen haben.

Zwar lobte die Regierung zunächst die Arbeit der beiden Wissenschaftler. Dann aber verbot sie die Untersuchung, ebenso wie die Berichterstattung über die beiden und alles, was mit der Untersuchung zu tun hat. Bereits produzierte Fernsehberichte über das Autorenpaar durften nicht mehr ausgestrahlt werden – weder in China noch in Hongkong, erinnert sich der Soziologe Chen. „50 Tage lang waren wir von mehr als 100 Journalisten aus ganz China interviewt worden. Aber dann, von einem Tag auf den anderen fielen wir in ein tiefes Loch. Unsere Namen verschwanden plötzlich aus der Presse und den anderen Medien.“

Weltweiter Rekord: Journalisten im Gefängnis

In keinem anderen Land der Welt sitzen so viele Journalisten hinter Gittern wie in China. Als Gründe für die Inhaftierung geben die chinesischen Behörden „konterrevolutionäre Aktivitäten“, die „Verbreitung von Staatsgeheimnissen“ oder „Subversion“ an. Ein Viertel aller in Haft befindlichen Journalisten wurde erst nach der Machtübernahme von Staats- und Parteichef Hu Jintao und Premierminister Wen Jiabao im Frühjahr 2003 abgeurteilt. Die Hoffnungen auf politische Reformen unter der neuen Führungsgeneration wurden damit bitter enttäuscht.

Original, Google Cache, archive.org

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter tagesschau.de abgelegt und mit verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.