Weg vom Strich mit Hilfe der EU

In Ungarn gibt es nach Schätzungen 100.000 Prostituierte. 15 von ihnen müssen dem horizontalen Gewerbe nicht mehr nachgehen – sie werden neuerdings von der EU gefördert und in einer Medienschule zu PR-Assistentinnen ausgebildet.

Von Harriett Ferenczi, ARD-Hörfunkstudio in Budapest

In einer Budapester Medienschule hat der Lehrbetrieb begonnen. Zu den Studenten gehören 15 Damen vom horizontalen Gewerbe, die ihren bisherigen Job an den Nagel gehängt haben. „Sie wollen weg vom Strich“, erklärt Agnes Földi, Vorsitzende der Interessenvertretung der ungarischen Prostituierten.

„Wir haben uns bereits bei mehreren EU-Ausschreibungen im Bildungsbereich beworben – und nun zum ersten Mal gewonnen“, freut sie sich. „Denn der einzige Ausweg aus dem Rotlicht-Milieu ist die Bildung. Und mit den nun gewonnenen 28 Millionen Forint können 15 Mädchen für ein Jahr an der Medienschule studieren.“ 1000 Prostituierte hatten sich auf die raren Stellen beworben.

Genommen wurden nur Bewerberinnen mit Abitur

Die 15 Studentinnen wurden in einem strengen Auswahlverfahren ausgesucht. Voraussetzung waren das Abitur sowie feste Entschlossenheit, ein neues Leben zu beginnen. „Bevor wir uns um EU-Gelder bewarben, haben wir eine Umfrage unter den Prostituierten gemacht, was sie gerne lernen möchten“, beschreibt Földi die Vorgehensweise. „Da wurden an erster Stelle Computerkenntnisse genannt – letztlich haben wir uns für eine Medienschule entschlossen.“ Auf dem Lehrplan stünden Informationstechnologie, Fremdsprachen und Businessmanagement. Und wer die Ausbildung absolviert, erhält ein Zertifikat als Marketing- oder PR-Assistentin.

„Nach erfolgreichem Abschluss der Ausbildung erhalten alle 15 Mädchen einen Job. Das ist festgeschrieben. Vier der Absolventinnen wollen wir in unsere Vereinigung übernehmen. Sie wären dann Vorbilder dafür, dass es durchaus einen Ausweg in ein normales Leben geben kann“, so Földi.

Rund 100.000 Prostituierte in Ungarn

In Ungarn soll es nach Schätzungen 100.000 Prostituierte geben. Das Sexgewerbe ist seit gut fünf Jahren legal in Ungarn. Doch der „Liebesdienst“ darf nur in gewissen Zonen ausgeübt werden. „Nach deutschem Muster sollten Rotlicht-Viertel entstehen, doch bis heute gibt es kein einziges“, beschreibt Földi die Probleme der horizontalen Zunft. „Alle Bürgermeister wehren sich mit Händen und Füßen dagegen. Dabei wurde die Schaffung dieser Zonen 1999 per Gesetz angeordnet. Die Prostitution in Ungarn ist also nach dem Gesetz legal, doch in der Praxis illegal, da es kein einziges Rotlicht-Viertel gibt.“

Allein in Budapest existieren nach Angaben der Interessenvertretung der Prostituierten bis zu 500 illegale Bordelle. Die Straßenprostitutionen blüht. Die 15 Studentinnen in der Medienschule nennt Agnes Földi nicht einmal einen winzigen Tropfen im großen Ozean. Dennoch sei es ein Anfang, der jedoch durch Vorurteile der Gesellschaft erschwert würde. Die Mädchen säßen gewissermaßen inkognito auf der Schulbank, aus Angst vor Ausgrenzung.

Original, Google Cache, archive.org

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