Der mutige Kampf der Umweltaktivisten (05.12.05)

Drei Wochen ist es her, dass im Nordosten Chinas ein Chemieunfall den Fluss Songhua vergiftet hat. In der Millionenstadt Harbin wurde daraufhin fünf Tage lang das Wasser abgedreht, mittlerweile sind andere Städte von der Giftbrühe bedroht. Der Songhua ist nicht der einzige mit Chemikalien verseuchte Fluss in China – Kehrseite des ehrgeizigen Wirtschaftswachstums und eine Gefahr für viele Bürger.

Von Jochen Graebert, ARD-Studio Peking

Der Fluss lässt ihn nicht mehr los. Huo Dai Shan misst, dokumentiert und fotografiert ihn, seit sieben Jahren nun schon. Weil er uns umbringt, sagt er. Früher hat er darüber geschrieben, als Journalist, bis die Zensur ihn mundtot machte. Seitdem ist Huo Umweltaktivist in der Provinz Henan.

Huaifluss gehört zu den giftigsten in China

Der Huaifluss und seine Nebenarme gehören zu den giftigsten in ganz China. Von dieser gefährlichen Brühe leben Dörfer wie dieses. Huo: „Huangmenying hat gut zweitausend Einwohner und über 150 Krebsfälle. Diese Straße nennen wir die Krebsstraße. In dieser Familie hat jemand Krebs, im Nachbarhaus auch, daneben auch und hier gegenüber auch.“

Die Patientin Kong He Qin ist 30 Jahre alt und wird jung sterben müssen. Mit 24 diagnostizierten die Ärzte erstmals Krebs bei ihr. Seitdem führt die tapfere Frau einen aussichtslosen Kampf: „Ich bin schon dreimal operiert worden. Zuletzt hier am Hals, an der Schilddrüse. Davor wurde Darmkrebs entfernt, ich trage einen künstlichen Ausgang. Und ich hatte Unterleibskrebs.“

Kong He habe sich am Flusswasser vergiftet, sagt Huo. „Warum sonst sterben hier so viele Leute so jung an Krebs“, fragt er und zeigt uns Fotos. Schüler, die sich mit Atemschutzhauben gegen giftige Dämpfe schützen. Fotografen mit Schutzmasken, die tote Fische knipsen. Kleinkinder mit riesigen Operationensnarben, krebskranke Dorfbewohner. Und Huo zeigt uns, wie der Fluss normalerweise aussieht. Von den Dämpfen seien hier schon Menschen erblindet, sagt er. „Es gibt ein Sprichwort hier: Wenn der Fluss sauber ist, kommt bestimmt ein Minister. So ist das immer. In der Stadt fand gerade eine Umwelt-Konferenz statt. Deshalb wurden die Einleitungen gestoppt. Eine absurde Show, mit der lokale Funktionäre verhindern wollen, dass die Wahrheit bis nach Peking dringt.“

Kehrseite des Wirtschaftswunders

Es ist die Kehrseite des chinesischen Wirtschaftswunders: Chemiefabriken leiten giftige Abwässer in die Zuflüsse des Huai. Und weil das in China der Normalfall ist, droht das chronisch wasserarme Reich der Mitte in einer tödlichen Kloake zu ersticken. Peking weiss das und hat hunderte Millionen Euro investiert. Doch das Geld ist versickert im Sumpf profitgieriger Lokalpolitiker und Unternehmer: Huo: „Die Zentralregierung in Peking nimmt das Problem durchaus ernst und hat vor zehn Jahren ein großes Abwasserprogramm aufgelegt. Doch meine Recherchen haben ergeben, das zwei Drittel aller Maßnahmen nur auf dem Papier existieren.“

Die Opfer der Umweltkatastrophe sind Millionen Dorfbewohner, die vom Flusswasser leben. Und die sich längst nicht mehr alles gefallen lassen. Es hat Aufstände gegeben, blutige Bauernrevolten gegen das Ökodesaster.

Huo sammelt Haarproben fürs Labor

Huo lehnt gewaltsame Proteste ab. Statt dessen sammelt er Haarproben fürs Labor und versucht, die Regierung in Peking für seine Sache zu gewinnen. Natürlich bestreiten Fabrikbesitzer und Lokalpolitiker, dass die Menschen vom Wasser krank werden. „Doch warum“, fragt Huo, „kann ein Drittel aller Frauen plötzlich keine Kinder mehr kriegen? Warum gibt es jetzt so viele missgebildete Kinder? Und warum leiden so viele junge Menschen an Krebs, Hautkrankheiten und Durchfall?“

Erst vor kurzem wurden Brunnen gebaut

Auch die 36-Jährige Liu Yu Zhi ist vor sechs Jahren an Krebs erkrankt. Das Wasser, von dem sie heute trinkt, so erzählt sie, kommt aus einem 600 Meter tiefen Brunnen, den die Behörden vor einigen Monaten endlich gebohrt haben. Davor hat sie ihr Trinkwasser, wie alle Dorfbewohner, aus dem Fluss gepumpt.

Genau wie Huang Wei Xia. Ihr Mann ist Wanderarbeiter in Shanghai. Warum, fragt sie, bekam er immer Durchfall und Fieber, wenn er sie besucht hat? Und warum war er gesund, sobald er das Dorf verließ? Ihr Vater liegt im Sterbebett. Krebs. Das kann auch andere Ursachen haben, natürlich, doch wer glaubt das schon hier im Dorf, wo fast alle krank sind. Familien wie diese hätten sich tief verschuldet für Medikamente und Ärzte, erzählt Huo. Deshalb habe er Hilfe organisiert, für insgesamt 200 Krebspatienten: Eine Firma spendet Arzneimittel, junge Ärzte behandeln kostenlos.

Viele Umweltaktivisten sitzen im Gefängnis

Aktivisten wie Huo leben gefährlich in China, viele sitzen im Gefängnis. Doch einfach zusehen, wie seine Heimat ökologisch zugrunde geht, das kann er nicht: „Wenn sie das Wasser hier aus dem Stausee in den Fluss lassen, steigen giftige Dämpfe auf. Umliegende Fabriken müssen schließen, weil die Arbeiter dann geschwollene Augen haben. Und Schüler müssen zur Schule gebracht werden, weil sie die Straße nicht mehr erkennen können. Im Tierpark sind sogar zwölf Affen erblindet.“

Es ist ein einsamer Kampf, den Umweltschützer wie Huo in einem Land führen, das so brachial auf Wachstum setzt wie China. Koste, was es wolle.

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