Kohle statt Gas – Lenin, Schröder. Stamokap

Von Thomas Kreutzmann, ARD-Hauptstadtstudio

Laut Wladimir Iljitsch Lenin hat der Erste Weltkrieg den monopolistischen Kapitalismus in einen staatsmonopolistischen Kapitalismus verwandelt, durch „Verschmelzung des Bankkapitals mit dem Industriekapital und Entstehung einer Finanzoligarchie“. Hallo, Gazprom!

Der Konzern macht unter anderem Geschäfte mit Gas, Erdöl und im Bankwesen. Das macht einen schon nachdenklich, ob Lenin nicht vielleicht doch Hellseher war. Ausgerechnet Gerhard Schröder, der „Anti-Revisionist“ und Stamokap-Gegner der Theorie lastigen siebziger Jahre, gibt dem einbalsamierten Sowjetlenker dabei Recht.

Der Rubel soll rollen

So ist das, wenn man Kohle mit Gas machen will. Knapp 9000 Euro monatlich reichen dem Ex-Kanzler nicht. Der Rubel soll rollen. Und das finden viele Genossen peinlich. Das ist schön. Es zeigt, dass es a.) Sozialdemokraten mit moralischem Feingefühl gibt, und b.)der Abnutzungsprozess durch ständig wechselnde und mitunter unangenehm aufgefallene Parteivorsitzende die Sozialdemokraten noch nicht völlig abgestumpft hat. In den fast 140 Jahren ihrer Parteigeschichte hatten sie es selten einfach. Aber in den vergangen 14 Jahren war es besonders schwierig. Da hat die SPD ihre Parteichefs schneller gewechselt als, sagen wir, Liz Taylor ihre Ehepartner. SPD-Vorsitzende waren:

bis 1991: Hans-Jochen Vogel
´91-´93: Björn Engholm ( Rücktritt )
1993: Johannes Rau (kommissarisch, knapp zwei Monate)
´93 – ´95: Rudolf Scharping
´95 -´99: Oskar Lafontaine ( Rücktritt )
´99 – 2004: Gerhard Schröder
´04 – 05 : Franz Müntefering
Ab 2005: Matthias Platzeck

Schröder: Nicht der einzige verhaltensauffällige SPD-Chef

Und Schröder, zeitweise der Inbegriff des modernen, mutigen Bundesbürgers, ist von denen beileibe nicht der einzige mit Verhaltensauffälligkeiten. Feingeist Engholm, der Kaschmir-Liebhaber aus der Buddenbrooks-Stadt Lübeck, sah sich dem Vorwurf der Falschaussage im ersten Barschel-Untersuchungsausschuß ausgesetzt. Engholm trat von allen Ämtern zurück.

Das bescherte Johannes Rau einen Übergangsparteivorsitz, den dann unglücklicherweise Rudolf Scharping einnahm. Der hatte einen Bart, später ein öffentlich zelebriertes Badevergnügen mit neuem Partner-Glück auf Malle, und ist heute Deutschlands oberster Radfahrer.

Lafontaines finazpolitischer Voodoo

Oskar Lafontaine, der ihn nach nur schwächlichem Widerstand an der Parteispitze beseitigte, schmiss wiederum die Plürren hin, als Gerhard Schröder seinem finanz- und haushaltspolitischem Voodoo nicht folgen wollte. Der Saarländer wirkte damit Sprachbildend ( „den Lafontaine machen „), aber nicht Stil prägend; schon gar nicht, als er das mit dem demokratischen Sozialismus scheinbar ernst nahm, und an die Spitze der Linkspartei marschierte, keineswegs als Fremdarbeiter in deren Reihen, sondern als Co-Fraktionschef.

Franz und Gerd als Kamikaze-Duo

Gerhard Schröder, den vielleicht nicht alle als Inbegriff der Berechenbarkeit empfunden haben, hielt es immerhin fünf Jahre an der Spitze der Genossen aus, Aber es lag kein Glück und keine Innigkeit in ihrem Miteinander. Irgendwie fremdelte man immer ein bisschen. In italienischem Klamotten-chic hält sich halt der Stallgeruch nicht so. Der kam dann aber doch noch in warmen, dichten Wolken mit dem Genossen Franz, als der im Parteivorsitz mit Kanzler Schröder im besten Gleichklang marschierte. Und als trotz Neuwahl-Kamikaze das Duo einen Achtungserfolg erspielte, da wurde es warm um Schröder und die Genossen. Der scheidende Kanzler bekannte unter Tränen vor Gewerkschaftern, er werde nie vergessen, wo er herkommt.

Aber so richtig will er dahin auch nicht zurück, zumindest nicht ohne Geld für einen Rückfahrschein. Wladimir soll´s jetzt richten. Und die Genossen, die sich so gerade nach dem unerwarteten Abgang des Genossen Münte an Matthias Platzeck zu gewöhnen beginnen – sie müssen schon wieder von der Idee Abschied nehmen, dass man manche Sätze einfach nicht wörtlich nehmen darf. Zum Beispiel: Dienen geht vor Verdienen.

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