Hunderte Millionen auf Geheimkonten unterschlagen?

Die Vorwürfe lesen sich wie aus einem Wirtschaftskrimi: Gianpiero Fiorani, einst als Star unter den italienischen Bankern gefeiert, soll innerhalb seines Geldhauses eine geheime Parallelbank aufgebaut haben. Mit seinen Komplizen soll er sich um Hunderte Millionen Euro bereichert haben. Teil des Millionenbetrugs war auch die Übernahme der deutschen Großbäckerei Kamps im Jahr 2002. Durch die Vorwürfe gerät auch Notenbankpräsident Fazio unter Druck, ein enger Vertrauter Fioranis.

Von Jörg Seisselberg, ARD-Hörfunkstudio Rom

Gianpiero Fiorani galt als der neue Star unter den italienischen Bankern. Jetzt sitzt der ehemalige Chef der Banca Popolare Italiana im Gefängnis. Der Vorwurf lautet: Bildung einer kriminellen Vereinigung. Systematisch soll der Topmana­ger innerhalb seines Geldhauses, das zu den zehn größten in Italien gehört, eine geheime Parallelbank aufgebaut haben.

Insidergeschäfte bei Kamps-Übernahme

Nach den Erkenntnissen der ermitteln­den Staatsanwältin haben sich Fiorani und seine Komplizen in den ver­gan­genen Jahren massiv bereichert und Hunderte Millionen Euro auf private Geheimkonten geschleust. Unter anderem soll der Topbanker für sich und ausgewählte Kunden Millionen-Gewinne durch illegalen Insiderhandel an der Börse gemacht haben. Eines der einträglichsten dieser dunklen Geschäfte ist nach heute bekannt gewordenen Details aus den Ermittlungsakten offensichtlich die Übernahme der deutschen Großbäckerei Kamps durch den italienischen Konzern Barilla vor knapp vier Jahren gewe­sen.

Die Übernahme wurde von Fioranis Banca Popolare Italiana abge­wickelt, die damals noch Banca Popolare di Lodi hieß. Als das Barilla-Interesse an Kamps offiziell noch nicht bekannt war, hatte Fiorani diversen Bekann­ten den Tipp gegeben, Aktien der deutschen Bäckerei zu kaufen – in einigen Fällen mit geliehenem Geld der Banca Popolare. Der Wert der Kamps-Papiere stieg durch das kurze Zeit später offizielle Übernahme­angebot von Barilla um über 50 Prozent. Die Vertrauten des italienischen Bankmanagers haben durch das Kamps-Insidergeschäft nach Erkenntnissen der Staatsanwaltschaft illegale Gewinne in Höhe von mehreren zehn Millionen Euro gemacht.

Kunden mussten illegale Gewinne mit Bankmanagern teilen

Geschädigt wurde Barilla – der Lebensmittel­konzern musste durch das doppelte Spiel seines Hausbankers einige Millionen mehr für die deutsche Bäckerei zahlen. Bei ersten Verhören gestand Fiorani ein: Mit den Kunden sei bei dem Kamps-Deals abgesprochen gewesen, dass sie ihre Spekula­tionsgewinne mit ihm und anderen Topmanagern der Banca Popolare teilten. In der Regel seien 40 Prozent der illegalen Profite an ihn, sowie den Finanzdirektor und einen Berater der Bank geflossen. Nach ähnlichem Strickmuster sind Fiorani und seine Komplizen offensichtlich auch vorge­gangen, als ihre Banca Popolare Anfang dieses Jahres die Banca Anton­veneta übernehme wollte. Auch hier wurden spezielle Kunden vorab informiert – die illegalen Spekulationsgewinne liegen in diesem Fall, so die Staats­anwaltschaft, bei über 80 Millionen Euro.

Schmiergeldzahlungen an Politiker?

Insgesamt, so schätzen die Ermittler, haben die Banker und ihre Komplizen durch die dunklen Geschäfte mehrere hundert Millionen Euro gemacht. Allein Fiorani habe rund 70 Millio­nen Euro auf seine privaten Konten geschleust, unter anderem in Singapur oder dem Steuerparadies Jersey. Am Freitag soll der verhaftete Topbanker im Gefängnis in Mailand ausführlich verhört werden. Vor möglichen weiteren Enthüllungen zittert auch die politische Elite in Rom. Denn aus ersten Befragungen von anderen Managern der Bank geht hervor, dass Fiorani offensichtlich – um seine dubiosen Geschäfte zu schützen – Schmiergeld an Politiker gezahlt hat. In den Ermittlungakten taucht bereits der Name des Vize-Reformministers Aldo Brancher auf. Der Politiker, der der Berlusconi-Partei Forza Italia angehört, soll von Banca Popolare Kredite erhalten und dafür von Fiorani genannte Kandi­da­ten bei Wahlen durchgesetzt haben.

Umstrittener Notenbankchef Fazio gerät unter Druck

Auch Italiens umstrittener Notenbankchef Fazio rückt durch den Skandal um die Banca Popolare erneut in den Mittel­punkt. Der verhaftete Fiorani gilt als einer seiner engsten Vertrauten. Fazio hatte den gestürzten Topbanker unter anderem bei der ver­suchten Übernahme der Banca Antonveneta unterstützt. Ohne den Namen Fazio ausdrücklich zu nennen, schreiben die Staatsanwälte in ihren Ermittlungsakten: Die illegalen Geschäfte seien möglicherweise auch von „institutionellen Subjekten“ geschützt worden.

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