Sozialistischer Indio Morales feiert Sieg

Obwohl das offizielle Ergebnis erst heute im Laufe des Tages verkündet wird, hat sich der sichtlich bewegte Evo Morales gestern bereits von seinen begeisterten Anhängern feiern lassen. Mit Morales, dem Anführer der Kokabauern und der „Bewegung zum Sozialismus“, wird erstmals in der Geschichte Boliviens ein Indio Staatsoberhaupt.

Gottfried Stein, ARD-Studio Südamerika

Morales, der die indigene und meist völlig verarmte Bevölkerungsmehrheit repräsentiert, sprach von einem historischen Ereignis: „Ab morgen oder ab kommendem Jahr beginnt wirklich eine neue Geschichte Boliviens, eine Geschichte, in der Gleichheit, Gerechtigkeit, Friede und soziale Gerechtigkeit herrscht, wir stehen für den Wechsel, den das bolivianische Volk erwartet“.

Den Prognosen zufolge könnte Morales bereits im ersten Wahlgang die absolute Mehrheit erzielt haben. Es wäre der überzeugendste Sieg seit 1982, seit das Land nach über zwei Jahrzehnten Militärdiktatur zur Demokratie zurückkehrte. Sollte er knapp unter 50 Prozent bleiben, müsste nicht eine Stichwahl, sondern das Parlament im Januar über den neuen Präsidenten entscheiden.

Neue Etappe in der Geschichte Boliviens

Sein stärkster Rivale, Ex-Präsident Jorge Quiroga, der die konservative weiße Bevölkerung repräsentiert, blieb gut 20 Prozent hinter Morales und gestand seine Niederlage bereits ein. Quiroga machte indirekt deutlich, dass er nicht auf eine Wahl durch das Parlament spekuliert, und der Weg für Morales frei ist: „Die Demokratie Boliviens hat eine Etappe abgeschlossen, und morgen beginnt ein neuer Weg.“

Die anderen sechs Kandidaten blieben weit abgeschlagen und chancenlos. Den Weg zu den vorgezogenen Neuwahlen hatte Übergangspräsident Eduardo Rodriguez freigemacht. Rodriguez, eigentlich Präsident des Verfassungsgerichtshofes, hatte nach monatelangen Blockaden und dem Rückritt von Präsident Carlos Mesa das Amt interimsmäßig übernommen. Neben den Neuwahlen hatte er auch für kommenden Juli eine Volksabstimmung über eine neue verfassungsgebende Versammlung und über mehr Autonomie der Regionen auf den Weg gebracht. Auch er machte deutlich, dass das Parlament den Sieg von Morales anerkennen müsse: „Der Großteil des Volkes ist für Demokratie und Wahlen eingetreten. Wir folgen heute diesem Willen, und wir lassen die Vergangenheit hinter uns. Wichtig ist heute, in die Zukunft zu schauen.“

Das offizielle Endergebnis wird erst im Laufe des Tages vorliegen. Zur Wahl hatte sich weniger als die Hälfte der Bevölkerung registrieren lassen. Neben dem Präsidenten wählten die Bolivianer auch ein neues Parlament und erstmals auch die Präfekten, das heißt die politischen Führer der einzelnen Regionen. Während Morales im Parlament vermutlich eine knappe Mehrheit bekommt, dürften die Präfekten dem konservativen Lager angehören, was den Einfluss des neuen Staatsoberhauptes gegenüber den Regionen schmälern wird.

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