Amerikas „Kunstwein“ bald auch in Europa

„Barrique“, der nie in einem Eichenfass war, Wein, der im Labor aromatisiert wird – in den USA ist das erlaubt. Auch Europa ist nach einem EU-Beschluss nun offen für solche „Kunstweine“. Verbraucherschutzminister Seehofer fordert deshalb eine Art Reinheitsgebot für Deutschland.

Von Christopher Plass, ARD-Hörfunkstudio Brüssel

Deutschland stand weitgehend allein im EU-Agrarministerrat. Nur kleinere Länder wie Österreich oder Portugal stützten die deutsche Ablehnung gegen das Weinabkommen. Große Produzenten wie Frankreich, Italien oder Spanien stimmten dem zu, was die EU-Kommission und die USA in langen Jahren ausgehandelt hatten. Der Grund: Der US-Markt gehört zu den wichtigsten Absatzmärkten für die großen Produzenten.

Herstellungsverfahren in Deutschland teilweise strafbar

Mit der Billigung des Abkommens sichern die USA den großen Exporteuren zu, dass sie von umständlichen Zertifizierungsverfahren verschont bleiben. Doch im Gegenzug geben die Europäer vieles preis, was vor allem die deutsche Branche erregt. Vom 1. Januar an erkennen die EU und die USA gegenseitig unter anderem die Herstellungsverfahren an: damit kommt auch amerikanischer Wein auf den EU-Markt, dem Wasser oder andere Zusätze beigemengt sind oder der im Labor aufbereitet wurde. Das alles ist in Europa, speziell in Deutschland verboten und teilweise strafbar.

Der neue Landwirtschaftsminister Horst Seehofer saß nicht mit am Tisch, als das Abkommen ausgehandelt wurden. Als Minister muss er sich jetzt dennoch einer qualifizierten Mehrheit beugen. Aber er hat sich den Erhalt der Qualität auf die Fahnen geschrieben: „Ich möchte, dass die Standards des Kulturguts Wein in Deutschland stärker geschützt werden – wie beim Bier“, sagte Seehofer. Dafür brauche man rechtliche Grundlagen.

Hoffen auf die Nachverhandlungen

Die Befürchtung wird größer, dass durch das neue Abkommen auch in Europa die industrielle Weinproduktion um sich greift. Gerade die deutschen Weinbaubetriebe laufen dagegen Sturm. Seehofer kann wenigstens darauf verweisen, dass mit den USA eine zweite Verhandlungsphase vereinbart ist. Das Abkommen tritt zwar zum Jahreswechsel in Kraft, aber in einer zweiten Runde soll alles noch einmal auf den Tisch: der Schutz von Lagenbezeichnungen, die önologischen Herstellungsverfahren – und die Frage der Etikettierung. Seehofer möchte zumindest erreichen, dass der Verbraucher weiß, wie der Wein hergestellt wurde, den er sich ins Glas füllt. Das kann man den Etiketten laut Abkommen nicht entnehmen.

Ein Reinheitsgebot wie beim Bier

„Wir reden immer vom mündigen Verbraucher“, sagte der Minister. „Daher ist es unerklärlich, dass man sich in Europa Regeln für Etikettierung gibt, sie aber bei einem Handelspartner weitgehend außer Kraft setzt.“ Eine Art Siegel für guten Wein könnte sich Seehofer vorstellen, ein Reinheitsgebot der Europäer. Dafür müsse man aber zunächst in der EU Einigkeit herstellen, erklärte er. „Ich verstehe die Franzosen, die einen weitaus größeren Handel mit den USA haben. Ich hoffe aber, dass wir gemeinsam mit ihnen höhere Standards realisieren können.“

Die Agrarminister machten mit ihrer Sitzung auch den Weg frei für den Einsatz von Holzchips im Wein, die ihm den Barrique-Geschmack verleihen können, der sonst nur in guten Holzfässern entstehen kann. Solcherart produzierte US-Weine sind schon länger in der EU zugelassen, nun können auch europäische Winzer Holzspäne einsetzen.

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