Die nackte Verschwendung

Von Michael Reissenberger, SWR-Hörfunkstudio Karlsruhe

Ach, wie lauteten doch zu Beginn die Parolen, die sich selbst Berliner Politiker hatten einflüstern lassen. Der Mannesmann-Prozess sei ein Schlag gegen den Wirtschaftsstandort Deutschland, sei einer Neid-Debatte gedankt. Und mit höchst schweizerischer Redlichkeit bekräftigte Dr. Ackermann, er würde gerade so wieder handeln, wenn es um so tüchtige Manager wie Dr. Esser ginge.

Ohne Bodenhaftung

Hier setzte heute der Gerichtsvorsitzende Klaus Tolksdorf den Kontrapunkt. Wer glaube, so viel geleistet zu haben, dass Abfindungen in dieser Millionenhöhe lediglich wohl verdienter Lohn für seine Leistung sei, der habe die Bodenhaftung verloren. Und es sei ganz gewiss kein Argument gegen, sondern für den Wirtschaftsstandort Deutschland, wenn mit diesem Urteil klar gestellt wird, dass die Verschwendung anvertrauten Vermögens, also sozusagen die Selbstherrlichkeit eines Gutsverwalters, auch staatlich verfolgt werden kann.

Das Urteil maßt sich nicht an, über tatsächliche oder angebliche Sozialschädlichkeit von Managergehältern zu philosophieren. Was angemessen und im Interesse einer Aktiengesellschaft liegt, müssen letztlich die Vermögensbetreuer im Aufsichtsrat selber erkennen. Aber klar ist seit heute, Managern einer bereits übernommenen Gesellschaft Millionenprämien hinterher zu schmeißen, die am Tag drauf aus den Diensten scheiden und die für ihre guten Dienste auch schon längst gutes Geld kassiert haben, ist die nackte Verschwendung.

Man kann gespannt sein…

Hier fügt der Bundesgerichtshof zu Recht an, dass man kaum glauben kann, dass sich führende Wirtschaftsmanager wie Dr. Ackermann und der Gewerkschaftsführer Zwickel für berechtigt gehalten haben können, so über das ihnen anvertraute Gesellschaftsvermögen willkürlich verfügen zu dürfen. Man kann gespannt sein, wie jetzt noch der Deutsche Bank-Chef seinen Kopf aus der Schlinge ziehen will, wenn die Sache in Düsseldorf neu aufgerollt wird.

Noch schwieriger als für ihn wird aber die Lage für Dr. Klaus Esser und Dr. Funk, die sich hier ihre Schlussverkaufsprämien abgeholt haben, in einem geradezu anwidernden Verfahren merkwürdigster Sitzungsabläufe und Protokollierungsmethoden. Sie sind die Profiteure des bösen Spiels und in punkto Dr. Esser regen die Bundesrichter an, doch noch einmal der Frage näher nachzugehen, wie der Umfall von Dr. Esser in der Übernahmeschlacht so zeitgerecht mit den Sonderzahlungen zusammenfiel. Ob hier nicht sogar eine Zuwendung zur Erleichterung und Beschleunigung der freundlichen Übernahme stattgefunden hat?

Das heutige Urteil macht aber jetzt schon klar, auch Angeklagte mit weißem Kragen können sich nicht einfach mit selbstfabrizierten Vor-Freisprüchen über das Recht stellen.

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