„Man kann ihre Arbeit nicht hoch genug einschätzen“

Nicht selten hat Susanne Osthoff Kopfschütteln ausgelöst: Zu gefährlich, geradezu leichtsinnig sei das, was sie im Irak tue. Unter Archäologen aber wird ihre Arbeit hoch geschätzt. Berufskollegen würdigen Osthoffs Engagement gegen die Raubgrabungen im Zweistromland, an denen auch Deutschland eine gewisse Mitschuld trägt. tagesschau.de sprach darüber mit dem Mainzer Archäologen Dr. Michael Müller-Karpe. Er arbeitet am Römisch-Germanischen Zentralmuseum und koordiniert dort unter anderem Projekte mit dem Irak.

tagesschau.de: Von Susanne Osthoff weiß man, dass sie sich als Archäologin im Irak verdient gemacht hat – eine Arbeit, von der viele Laien wahrscheinlich allenfalls eine vage Vorstellung haben. Womit hat sich Frau Osthoff im Irak beschäftigt?

Michael Müller-Karpe: Susanne Osthoff hat sich bereits Anfang der neunziger Jahre dafür eingesetzt, dass die Raubgrabungen, die damals begannen, einer breiten Öffentlichkeit bekannt wurden. Mesopotamien gilt als die Wiege der Zivilisation: Alle Dinge, die aus dem heutigen Leben nicht mehr wegzudenken sind – die Schrift, das Rad, die gelagerte Achse, Mathematik, Astronomie – all diese Dinge sind in Mesopotamien erfunden worden. Und nur dort können diese Wurzeln unserer eigenen Zivilisation erforscht werden. All das wird aber zerstört durch Raubgrabungen. Da werden nicht nur Dinge entwendet, die hinterher einen gefräßigen internationalen Markt mit Hehlerware versorgen – es werden Informationen zerstört. So wie ein Buchstabe erst durch seine Stellung im Text einen Informationswert erhält, erhalten auch archäologische Funde ihren Wert durch den Ort, an dem sie gefunden worden. Susanne Osthoff wollte auf diesen Wahnsinn aufmerksam machen.

tagesschau.de: Welchen Stellenwert hat ihre Arbeit für die Archäologie?

Müller-Karpe: Den kann man gar nicht hoch genug einschätzen. Es geht nicht nur darum, dass die Wiege der Zivilisation buchstäblich zerstört wird. Es wird auch die Arbeitsgrundlage der Archäologen zerstört. Aus einer zerwühlten archäologischen Stätte kann ein Archäologe keine Informationen mehr gewinnen. Susanne Osthoff wollte darauf aufmerksam machen. Allerdings wollte man das nicht hören. Sie hat mit verschiedenen Fernsehteams diese Raubgrabungen besucht – unter Einsatz ihres Lebens. Da wurden Aufnahmen gemacht, die jetzt ständig gezeigt werden: vorne Susanne Osthoff, die ein Interview gibt, hinten Leute, die in einer archäologischen Stätte graben. Der Kommentator sagt dann, dies sei Susanne Osthoff bei archäologischen Ausgrabungen. Das ist Unsinn! Es handelt sich dabei um Raubgrabungen! Das sind hoch brisante Aufnahmen. Susanne Osthoff wollte einer breiteren Öffentlichkeit vor allem in Deutschland zeigen, was dort geschieht. Und noch nicht einmal jetzt wird es richtig dargestellt.

tagesschau.de: Warum sind die Widerstände denn so groß?

Müller-Karpe: Es ist eine für Deutschland höchst brisante und peinliche Angelegenheit. Deutschland ist einer der wenigen Staaten, die die Unesco-Konvention von 1970 zum Kulturgüterschutz nicht unterzeichnet haben. Diese Konvention besagt, dass man die Gesetze, die andere Länder zum Schutz ihres kulturellen Erbes erlassen haben, respektiert. Den eigenen Bürgern würde dann der Handel mit Raubgütern aus solchen Ländern untersagt.

„Handel mit Hehlerware in Deutschland legal“

tagesschau.de: Das heißt, wenn der Irak oder andere Länder Raubgrabungen unter Strafe stellen, wäre der Handel mit der Beute auch in Deutschland illegal – wenn wir denn dieses Gesetz hätten…

Müller-Karpe: Richtig. Der Irak verbietet Raubgrabungen – wie übrigens alle Länder. Es ist nirgends erlaubt, illegal auszugraben. So etwas bedarf immer der Genehmigung. Deutschland respektiert das aber nicht. Dinge, die im Irak als Hehlerware gelten, sind in Deutschland völlig legal.

tagesschau.de: Warum ist das so?

Müller-Karpe: Da steckt eine finanzkräftige Lobby dahinter, die mit Hehlerware aus Raubgrabungen Geld verdient und die ganz offen mit dem Verlust deutscher Arbeitskräfte droht, wenn die Gesetze strenger werden.

tagesschau.de: Wer bildet diese Lobby?

Müller-Karpe: Das sind Kunsthändler, Auktionshäuser, die aufgrund dieser skandalösen Gesetzeslage hier in Deutschland handeln dürfen.

tagesschau.de: …die in Deutschland aber nicht hunderttausende Leute beschäftigen.

Müller-Karpe: Nein, das ist ja das Absurde. Der Verlust deutscher Arbeitskräfte würde sich in einem überschaubaren Rahmen halten. Aber die Gefährdung deutscher Arbeitsplätze ist in Deutschland nun mal ein Totschlagargument.

„Peinlich und befremdlich“

tagesschau.de: Zurück zu Frau Osthoff und ihrer Arbeit im Irak: Man konnte in den vergangenen Tagen den Eindruck gewinnen, sie sei unverbesserlich und abenteuerlustig, weil sie auch nach ihrer Freilassung anscheinend in den Irak zurückkehren will. Wie haben Sie Frau Osthoff kennengelernt?

Müller-Karpe: Ich empfinde diese Diskussion als sehr peinlich und befremdlich. „Hasardeur“ oder „Russisch Roulette“ – das sind Begriffe, die in diesem Fall überhaupt nicht passen. Sie war sich sehr wohl der Gefahr bewusst, hat ihr Leben und ihre Gesundheit aber in den Dienst der Sache gestellt – und zwar, um auf diese Absurdidät und die Katastrophe, an der Deutschland ganz maßgeblich beteiligt ist, hinzuweisen.

tagesschau.de: Sie haben Frau Osthoff im vergangenen Jahr in Bagdad getroffen und konnten sich selbst ein Bild machen über die Gefahr, der sie sich da aussetzt. Wie gefährlich ist das, was sie da tut?

Müller-Karpe: Sehr gefährlich. Ich selbst war damals nur in Bagdad und habe mich zwischen dem Hotel und dem Irak-Museum hin- und herbewegt. Weitere Reisen im Land waren zu dem Zeitpunkt praktisch nicht möglich. Wir hatten ins Auge gefasst, gemeinsam in den Süden zu fahren, um dort die Plünderungen archäologischer Stätten zu dokumentieren – haben aber davon Abstand genommen, nachdem es Morddrohungen gab.

tagesschau.de: Gäbe es denn Leute, für die diese Arbeit weniger gefährlich wäre als für Frau Osthoff?

Müller-Karpe: Nein, das glaube ich nicht. Denn diese Raubgrabungen sind ein Milliardengeschäft – die Unesco hat letztens in dem Zusammenhang von sechs Milliarden Dollar jährlich gesprochen. Und da ist es dann im Grunde egal, ob jemand Iraker ist oder Brite, Amerikaner oder Deutscher. Das ist für alle gefährlich, die darauf aufmerksam machen wollen.

tagesschau.de: Heißt das auch: Wenn Susanne Osthoff diese Arbeit nicht machen würde, dann würde sie im Zweifelsfall niemand machen?

Müller-Karpe: Das ist richtig.

Das Interview führte Andrea Krüger, tagesschau.de

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