Ein Weltpolitiker im Ost-West-Konflikt

Als Außenseiter setzte Trygve Lie sich durch – und wurde vor 60 Jahren erster UN-Generalsekretär. Der Norweger wollte die Uno in den ersten Jahren des Kalten Kriegs zu einer tatkräftigen internationalen Organisation machen.

Von Rainer Sütfeld, ARD-Hörfunkstudio New York

Die erste Generalversammlung der Vereinten Nationen begann in London mit einem Eklat, und im Mittelpunkt stand Trygve Lie. Moskau wollte den norwegischen Außenminister – im Januar 1946 noch zusammen mit den USA – als Sitzungspräsident durchdrücken. Doch die geballten Supermächte scheiterten,

Lie fiel durch, um nur drei Wochen später von den 51 Mitgliedern zum ersten UN-Generalsekretär gewählt zu werden. „Natürlich gibt es verschiedene Meinungen und Konflikte, wenn sich 51 Länder treffen. Aber es wäre der total falsche Eindruck, wenn man nur die Unterschiede beachtet und die gemeinsame Basis übersieht,“ beruhigte der knapp 50jährige Politiker damals die Hörer der BBC.

Lie setzte sich gegen prominente Politiker durch

Denn natürlich hatte es auch um seine Wahl reichlich Streit gegeben, fielen doch gewichtigere Namen wie Athony Eden oder Winston Churchill für diese Pionier-Tätigkeit. Auch wurde der Favorit, Kanadas UN-Botschafer Lester Pearson, umgangen.

Es ging hinter den Kulissen von Westminister zu, wie heute am East River zum Ende der Amtszeit von Kofi Annan. Der Jurist Lie war ein Mann der Arbeiterpartei, bis zur deutschen Invasion Handelsminister in Oslo. Schon im Londoner Exilkabinett wurde er Außenminister, knüpfte jene Kontakte, auch zu Andrei Gromiko, die ihn an die Spitze der Weltgemeinschaft – und nach New York brachten: „Wir wollen am East River ein würdevolles und angebrachtes Hauptquartier für die UN bauen, das für Generationen ein Monument des Friedens und der Sicherheit sein soll.“

Erster Konflikt mit der Sowjetunion

Nicht nur der von der ersten Generalversammlung beschlossene Umzug nach New York, auch der Aufbau des Generalsekretariats und die Organisation einer Weltgemeinschaft lagen in seiner Hand. Doch der norwegische Karrierepolitiker wollte mehr sein, als Organisator, sah wie seine Nachfolger im Amt des Generalsekretärs auch eine weltpolitische Aufgabe und geriet bereits drei Monate nach seiner Wahl erstmals in Konflikt mit dem Sicherheitsrat und der sowjetischen Vetomacht.

Ständiges Auf und Ab im Miteinander

Der Ost-West-Konflikt spitzte sich während seiner Amtszeit zu und Lie setzte sich zwischen alle Stühle. Er trat für die Volksrepublik China ein und damit den Taiwan-Freunden in Washington auf die Füße, stieß Moskau vor den Kopf, als er Nordkorea als Agressor brandmarkte. Die gemeinsame Basis schwand. „Nach den Konflikten mit den meisten Delegationen, ist ein Eindruck, dass man überall, sowohl bei den großen Fünf als auch bei den kleineren, den Wunsch spürt, dass die UN eine effektive und kraftvolle internationale Organisiation wird“, resümierte Lie nachdem sich die Wogen wieder geglättet hatten.

Doch zum Ende seiner ersten Amstzeit dominierte wieder der Konflikt. Die verärgerte Sowjetunion legte ihr Veto gegen Lies Wiederwahl ein, aber in der Vollversammlung dominierten die Westmächte. Gegen die damals nur acht Stimmen des Ostblocks setzten sie den Norweger 1951 noch ein Mal durch.

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Trotz seiner Wiederwahl gibt Lie auf

Moskau erkannte die Wahl und den Generalsekretär nicht an. Im November des nächsten Jahres gab der glücklose erste Generalsekretär auf. „Ich sollte alle Probleme der Vergangenheit, alle Enttäuschungen, alle Kopfschmerzen nehmen, sie in einen Sack packen und in den East River werfen,“ sagte er.

Lie ging zurück nach Oslo und starb 16 Jahre später an Herzversagen. Sein Nachfolger wurde der Schwede Dag Hammarskjöld.

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