„Beruhige dich, es ist nur Schnee“

Philip Boit hat ein bescheidenes Ziel: Er will bei den Olympischen Spielen in Turin im Skilanglauf mindestens Platz 65 belegen. Damit hätte er sein Ergebnis von 2002 schon verbessert – und schon das war ein Erfolg. Denn Boit kommt aus Kenia, einem Land, in dem der Wintersport nur eine geringe Rolle spielt.

Von Marc Engelhardt, Nairobi

Wenn Philip Boit zu Hause auf seiner Farm aus dem Fenster schaut, sieht er Zebras und Büffel durch die sonnendurchflutete Savanne ziehen. Selten, wenn es richtig kühl wird auf der Hochebene am Rande des Äquators im Westen von Kenia, fällt das Thermometer nachts bis auf zehn Grad. Eis kennen die Menschen hier allenfalls aus der Tiefkühltruhe im Supermarkt. Umso schwerer fällt es Boit bis heute, seinen Freunden zu erklären, was er bei den Olympischen Winterspielen in Turin treibt: Als Skilangläufer, Fahnenträger der kenianischen Olympiamannschaft und zugleich als ihr einziges Mitglied.

Der heute 34-Jährige erinnert sich noch genau an seine erste Begegnung mit dem Winter. Vor zehn Jahren landete sein Flugzeug in Helsinki. Alles war weiß, der Kenianer entsetzt. “Ich bin auf meinen Trainer zugestürzt und wollte wissen: Was ist hier los? Und der hat geantwortet: Beruhige dich, Philip, das ist nur Schnee.“

Der Bruder als Vorbild

So begann die ungewöhnliche Karriere des zweiten Olympioniken in der Familie Boit. 1972, Philip war gerade acht Monate alt, holte sein Bruder Mike bei den Olympischen Spielen in München Gold über 800 Meter. Zehn Jahre lang galt Mike Boit als einer der besten Mittelstreckenläufer der Welt. Sein kleiner Bruder war begeistert. “Ich wollte auch Läufer werden, unbedingt.“

Zum Trainieren seiner Kondition hatte Philip Boit genug Gelegenheit: Wie die meisten seiner Klassenkameraden lief er jeden Tag zu Fuß zur Schule, 15 Kilometer hin, 15 Kilometer zurück. Bald wurde er auch vom örtlichen Sportverein entdeckt. Dort zeigte sich: Philip Boit war schnell, aber nicht so schnell wie sein Bruder. Auf seiner besten Distanz, 800 Meter, lief er in 1:46:06.

Deshalb überlegte Boit nicht lange, als sein Coach im Herbst 1995 mit einer höchst seltsamen Frage zu ihm kam. “Er erzählte, dass unser Sponsor Kenianer sucht, die Lust auf Skilaufen hätten – und dass er mich vorschlagen würde.” Kenia hatte damals schon viele Läufer, aber keinen einzigen Skiläufer. Also sagte Boit zu. “Ich hatte zwar keine Ahnung, was genau dieses Skilaufen eigentlich ist, aber mir war klar, es ist ein Sport – und das hat mir gereicht.“

Verfroren in Finnland

Das dicke Ende kam wenige Monate später beim ersten Training in Finnland. An den Schnee gewöhnte sich Boit bald, aber nicht an den Frost. „Mir sind die Fingernägel abgefroren, einer nach dem anderen, weil es so kalt war.“

Boit war mit einem zweiten arglosen Kenianer ins Trainingscamp geflogen, mit Henry Bitok. Nachts hatten sie nur ein Gesprächsthema: Pläne, wie die beiden möglichst schnell nach Kenia zurückkehren könnten. Nach einer Woche im Schnee schälte sich auch noch die Haut der beiden. „Ich war sicher, wir wären krank. Aber der Coach meinte, es sei nur die Umgewöhnung auf die Minusgrade und den eisigen Wind.“

Stress machten den beiden Anfängern auch die Skier selbst. Selbst im Stehen war es schwer, die Balance zu halten. „Jeder von uns brauchte zwei starke Männer, die uns unter den Armen gepackt und gehalten haben, weil wir ständig umgekippt sind.” Am vierten Tag ging es besser. Boit bewegte sich tatsächlich vorwärts – vielleicht fünf Meter weit. “Dann bin ich hingefallen, aufgestanden, wieder fünf Meter vorwärts gerutscht und wieder hingefallen. So ging das den ganzen Tag.“

Der Spaß kommt mit der Zeit

Nach einem Monat konnten die beiden auf flachem Gelände laufen, nach zwei Monaten gingen auch flache Hügel. „Und irgendwann hat es angefangen, Spaß zu machen.“ Selbst zu Hause in Eldoret trainierte Boit weiter. Mit Skiern, unter die er Rollen montierte – einer Art Rollerskates auf Brettern.

Während sein Partner Henry Bitok aufgab, wurde es für Boit 1998 richtig ernst: Die olympische Premiere in Nagano. „Ich habe gegeben, was ich konnte und bin tatsächlich ins Ziel gekommen”, strahlt Boit noch heute. Grinsend ergänzt er: “Als Letzter, mit 20 Minuten Rückstand auf den Sieger, Björn Daehlie.” Die norwegische Ski-Legende hatte im Ziel gewartet und war einer der ersten, der Boit gratulierte “Er hat mir gesagt, ich soll unbedingt weitermachen.“ Die beiden sind heute befreundet. Sogar seinen ersten Sohn hat Philip Boit nach dem Norweger benannt – der heute Achtjährige heißt Daehlie Boit.

Langer Weg nach oben

In Salt Lake City vor vier Jahren war Philip Boit schon nicht mehr Letzter: Auf Platz 66 ließ er immerhin fünf Mitbewerber hinter sich. In Turin soll alles noch besser werden. „Ich will auf jeden Fall meine Konkurrenten aus den Nicht-Winterländern besiegen.“ Immerhin drei Afrikaner treten in Turin gegen Boit an: Ein Algerier, ein Äthiopier und ein Südafrikaner.

In allen Disziplinen zusammen ist Afrika mit 14 Athleten aus sieben Ländern vertreten. Alleine Deutschland schickt mehr als zehn Mal soviel. “Wintersport ist immer noch etwas Exotisches in Afrika, und ich sehe es als meine Aufgabe an, meine Landsleute davon zu überzeugen.“ In Nairobi hat kürzlich die erste Eislaufbahn Ostafrikas eröffnet. Nach den Olympischen Spielen will Boit seinen Sohn Daehlie dorthin mitnehmen und in der eigenen Familie mit der Überzeugungsarbeit anfangen.

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