„Die Reden sind ein Text aus Deutschland“

Auf der Berlinale wurde der Film „Hamburger Lektionen“ des deutsch-französischen Regisseurs Romuald Karmakar uraufgeführt. Darin verliest Manfred Zapatka die Reden des Imam Mohammed Fazazi. Auch einige der Attentäter vom 11. September 2001 hörten regelmäßig Fazazis Predigten. Obwohl die Reden schon vor sechs Jahren gehalten wurden, finden sich darin Aussagen, die vor dem Hintergrund des Karikaturen-Streits eine erschreckende Aktualität bekommen. tagesschau.de sprach mit dem Regisseur über den Film und seine möglichen Folgen.

tagesschau.de: Ihr Film „Hamburger Lektionen“ bezieht sich auf ein Videoband mit Predigten eines Imam aus dem Jahr 2000. Was hat Sie veranlasst, gerade jetzt diesen Film zu drehen?

Romuald Karmakar: Mir war wichtig, dass wir dieses Videoband als einen Text aus Deutschland begreifen. Von jemandem, der in engem Kontakt stand zu Personen, die ein Verbrechen begangen haben, das meiner Ansicht nach auch in Deutschland, aus unserer Gesellschaft heraus, initiiert wurde. Der Film bietet die Möglichkeit, die Binnenlogik dieses Denkers und Predigers kennen zu lernen – mehr nicht.

tagesschau.de: An einer Stelle sagt der Imam, alle, die über den Weg der Meinungsfreiheit den Islam beleidigten, seien als Krieger anzusehen und müssten getötet werden, selbst wenn es sich dabei um Frauen und Kinder handelt. Wie sehen Sie diese Äußerung in der aktuellen Diskussion über die Mohammed-Karikaturen?

Karmakar: Ich bin nicht der richtige Mann, um das beantworten zu können. Ich glaube, es ist wichtig zu wissen, dass im Januar 2000 – sechs Jahre vor dem Karikaturen-Streit und eineinhalb Jahre vor dem 1. September – in Hamburg diese Position von einem extrem radikalen Menschen bezogen worden ist. Man darf aber nicht den Fehler machen, diese Reden automatisch in Analogie zu praktischen Ausführungen zu setzen. Was der Eine sagt, muss der Andere nicht ausführen.

Defizite im Umgang mit dem Thema Terrorismus

tagesschau.de: Was möchten Sie denn den Zuschauern mit diesem Film mitteilen?

Karmakar: Ich denke, dass wir Defizite haben – unabhängig vom Karikaturen-Streit – im Umgang mit dem Thema des Terrorismus. Wer weiß denn zum Beispiel, wer die anderen Piloten des 11. Septembers neben Mohammed Atta waren? Wer kannte die Mitglieder dieser Hamburger Gruppe? Wer weiß, was sie eineinhalb Jahre vor dem 11. September getan haben? Wir haben, obwohl wir sehr wohl etwas mit den Anschlägen auf das World Trade Center zu tun haben, diese Problematik „externalisiert“. Wir haben registriert, dass es seitdem in Madrid, in Casablanca, in London Anschläge gab. Aber wir haben immer gedacht, dass wir damit nichts zu tun haben, weil wir nicht am Irak-Krieg beteiligt waren. Aber das ist gar nicht das Thema. Fazazi sagt in seinen „Lektionen“ deutlich, dass jeder so genannte Ungläubige, der wählen geht, damit eine Regierung unterstützt, die muslimische Länder unterdrückt. Und deswegen per se ein „Krieger“ sei, der getötet werden müsse.

tagesschau.de: Sehen Sie nicht die Gefahr, dass durch den Film die Kluft zwischen den Kulturen und Religionen noch mehr vertieft werden könnte als es ohnehin schon der Fall ist? Dass es Menschen gibt, die die Reden dieses sehr radikalen Imams gleichsetzen mit dem, was generell in Moscheen gepredigt wird?

Karmakar: Aus dem Film und der Produktionsnotiz, die wir dazu gegeben haben, lässt sich diese Befürchtung nicht ableiten. Der Film bietet die Möglichkeit der Rekonkretisierung einer spezifischen Situation eines spezifischen Denkers. Daraus Rückschlüsse zu ziehen, obliegt dann natürlich jedem Einzelnen.

„Seine Rückschlüsse sind die der Rache“

tagesschau.de: An einer Stelle der „Hamburger Lektionen“ sagt Fazazi: „Dieser Westen hat uns beraubt“ und verteidigt damit die Theorie, dass Muslime in westlichen Ländern die dort lebenden „Ungläubigen“ auch bestehlen dürften.

Karmakar: Der Vorwurf des Kolonialismus, den Fazazi aufbringt, ist ja berechtigt. Jede radikale Bewegung macht sich an realen Punkten fest und mischt diese mit imaginären. Entscheidend ist, welche Rückschlüsse gezogen werden. Seine Rückschlüsse sind eindeutig die der Rache: Wenn die uns irgendetwas genommen haben, nehmen wir ihnen das jetzt wieder weg.

tagesschau.de: Neben der Auslegung des Koran beantwortet der Imam auch Fragen seiner Gemeindemitglieder. Manche davon sind fast schon komisch, wie etwa: „Erlaubt der Koran, dass ich mit einem gefälschten Reisepass auf Pilgerfahrt gehe?“

Karmakar: Dieser Imam vertritt die salafistische Variante des Islam, die sich sehr stark auf den Propheten Mohammed, seine Gefährten und die ersten Generationen der Muslime bezieht. Er versucht, das Leben eines heutigen Muslim in Bezug zu setzen zum Verhalten von Menschen aus dem 7., 8. und 9. Jahrhundert. Dieser Spagat, Dinge der Gegenwart mit etwas aus dieser Zeit in Bezug zu setzen und daraus Verhaltensweisen für die Gegenwart abzuleiten, ist nicht sehr einfach. Und man merkt im Film auch, dass viele Muslime im Gebetsraum damit Probleme hatten (die Reaktionen der Anwesenden werden im Film ebenfalls vorgelesen, Anm. d. Red.).

Allein schon, wenn es darum geht, dass Menschen arbeiten müssen am Freitag und das in Verbindung bringen müssen mit dem Freitagsgebet. Es war interessant, zu sehen, dass die Leute aus unserer Gesellschaft Schwierigkeiten damit haben, diesen Ansprüchen des Imam gerecht zu werden und dadurch ein Konflikt innerhalb dieser Gemeinde entsteht.

tagesschau.de: Die häufigste Frage, die Ihnen nach der Uraufführung des Films auf der Berlinale vom Publikum gestellt wurde, war: „Haben Sie jetzt nicht Angst?“

Karmakar: Diese Frage war von Anfang an da. Aber wenn man davon ausgeht, was der Imam gesagt hat, ist jeder gefährdet, der in einem demokratischen Land wählen geht.

Die Fragen stellte Carolin Ströbele, tagesschau.de

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