Wie gehen Amerikaner damit um?

In den USA sorgte 1999 ein Amoklauf für internationale Schlagzeilen. An der Columbine Highschool in Littleton erschossen zwei Jungen zwölf ihrer Mitschüler und einen Lehrer. Gewiss – ein Drama, das weit über die alltägliche Gewalt in Schulen hinausragt. Doch es riss die USA aus ihrem „Dornröschenschlaf“. Seither hat sich vieles an amerikanischen Schulen geändert.

Von Carsten Schmiester, ARD-Hörfunkkorrespondent, Washington

Gewalt an amerikanischen Schulen hat seit dem 20. April 1999 einen Namen – Columbine. So heißt die Highschool in Littleton im US-Bundesstaat Colorado. Eric Harris und Dylan Klebold hatten sich damals Waffen besorgt, sie hatten Bomben gebastelt, ihr Schießtraining im Wald stolz gefilmt – und dann auf grausame Weise zwölf Mitschüler und einen Lehrer regelrecht hingerichtet, bevor sie sich selbst töteten. Das Land stand lange unter Schock. Was so recht niemand hatte wahrhaben wollen, war nicht länger zu leugnen – die USA hatten und haben ein Gewaltproblem, auch an ihren Schulen.

Seither hat sich allerdings vieles verändert – zum Besseren, meint William Lassiter vom „Zentrum zur Vermeidung von Gewalt an Schulen“ in Raleigh, North Carolina. „Von 1993 bis 2002, das sagen unsere aktuellsten Erhebungen, ist die Zahl der ‚Zwischenfälle‘ an Schulen um die Hälfte zurückgegangen. Das hat viel mit dem ‚Weckruf‘ Columbine zu tun. Danach haben sich immer mehr Schulen intensiv mit dem Gewaltproblem beschäftigt, mit der Frage, wie macht man amerikanische Schulen sicherer.“

Dreimal P: Sicherheit, Schüler, Ziele

Man hat das System der drei Ps entwickelt, erläutert Lassiter. P Nummer eins steht für „Places“ und bezieht sich auf die Sicherheitsmaßnahmen in den Gebäuden. In vielen Schulen wurden Metalldetektoren aufgestellt. Kein Schüler sollte mehr ein Messer oder eine Schußwaffe in das Gebäude hineinschmuggeln können. Flure und Gemeinschaftsräume werden oft mit Videokameras überwacht, teilweise gehen Polizisten in den Schulen Streife.

Das allein reicht aber nicht aus, so William Modzelski vom Bildungsministerium. Das zweite P steht für „people“ – schaut Euch die Schüler genau an. „Wir haben die Schulen aufgefordert, an Programmen zur Vorbeugung und frühen Auseinandersetzung mit Problemfällen teilzunehmen“, sagte Modzelski. Denn die erhöhte Sicherheit reicht nicht aus. „Man braucht beides.“

…und dazu noch das dritte P: „purpose“, Zielsetzung. Untersuchungen haben gezeigt, dass es an Schulen, die ihre Schüler mehr fördern und mehr fordern, weniger Gewalt gibt. Weniger, aber eben nicht – keine!

Nur ein Etappensieg

Nach dem Columbine-Massaker ist das Problem in diesem Land halt erkannt, aber nur zum Teil gelöst. So wurden aktuellen Angaben des „Nationalen Zentrums für Bildungsstatistik“ zufolge allein im Schuljahr 2002/2003 15 Schüler getötet, es gab landesweit zwei Millionen – wie es heißt – nicht-tödliche und darunter 150.000 schwere Verbrechen wie Vergewaltigungen oder Körperverletzungen.

Und es gab im März 2005 das Massaker an der Redlake-Highschool in Minnesota, bei dem ein 16-Jähriger neun Menschen umbrachte und dann Selbstmord beging. 50 Prozent weniger „Zwischenfälle“ seit 1993 – für die Redlake-Überlebenden wie Schulleiter Stuart Desjarlait ist das nicht mehr als hohle Statistik. Die Gewalt, der er erlebt hat, lässt ihn nicht mehr los: „Manchmal sage ich mir, ich geh’ heute nicht zur Arbeit, ich träume noch immer davon – dann fühle ich mich nicht gut.“

Original, Google Cache, archive.org

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter tagesschau.de abgelegt und mit verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.