„Wir werden alles tun, um dem Mann zu helfen“

In China ist der Bauer Fu Xiancai offenbar im Zusammenhang mit einem ARD-Interview zusammengeschlagen und schwer verletzt worden. Der Mann hatte in einem Bericht über den Drei-Schluchten-Damm für die Tagesthemen (19. Mai 2006) beklagt, die versprochene Entschädigung für die Umsiedlung nie bekommen zu haben. Kurz darauf wurde er von Unbekannten in Zigui brutal überfallen. tagesschau.de sprach mit ARD-Korrespondent Jochen Graebert über den Vorfall. Im ARD-Studio in Peking entstand der Bericht über den Staudamm.

tagesschau.de: Was wissen Sie über den aktuellen Gesundheitszustand von Fu Xiancai?

Graebert: Es ist extrem schwierig, mit dem Mann Kontakt aufzunehmen. Die Polizei versucht alles, um ihn abzuschirmen – vor jeder Kontaktaufnahme, insbesondere aus dem Ausland. Aber so viel wissen wir: Er hat sich schwere Verletzungen am oberen Halswirbelbereich zugezogen. Zurzeit liegt er im Krankenhaus, schwebt offenbar in Lebensgefahr, ist vom Hals abwärts gelähmt und kann nur sehr mühsam sprechen.

Die chinesische Regierung ist vom NDR-Intendanten Jobst Plog aufgefordert worden, dem Mann jede medizinische Hilfe zu gewähren. Das wurde bisher vom Krankenhaus abgelehnt mit dem Hinweis darauf, dass er nicht genug Geld habe.

tagesschau.de: Welche offizielle Erklärung gibt es denn von Seiten der chinesischen Regierung zu dem Vorfall?

Graebert: Es gibt noch keine offizielle Erläuterung. Ein Sprecher des Außenministeriums erklärte gegenüber ausländischen Journalisten, es lägen ihm noch keine gesicherten Einzelheiten des Falles vor. Er betonte, China habe seine eigenen Gesetze. Die chinesischen Bürger würden Menschenrechte und Freiheit genießen, jeder Bürger müsse sich aber auch an die Regeln und die Gesetze halten.

Wenn man das übersetzt, meint er mit Menschenrechten und Freiheit für chinesische Bürger – zynisch gesagt – sie dürften nicht halb tot geschlagen werden. Wenn er aber sagt, dass jeder Bürger die Regeln und Gesetze im Land zu beachten habe, meint er damit, dass sich chinesische Bürger der ausländischen Presse gegenüber nicht äußern sollen.

tagesschau.de: Wenn Interviews derartige Folgen für die Gesprächspartner haben, welche Konsequenzen ziehen Sie daraus für Ihre Arbeit?

Graebert: Diese Folgen sind nicht erst seit heute bekannt. Wir wissen ja, dass Interviewpartner in der Regel gefährdet sind. Es gibt sehr, sehr viele Interviews, die an uns herangetragen werden, weil die Menschen – viele Aktivisten, die sich für Umwelt und Menschenrechte einsetzen – in ihrer Verzweiflung besonders auf die internationalen Medien bauen. Sie sehen dies als ihre einzige Chance.

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Es gibt auch sehr viele Interviews, die wir ablehnen, weil wir sagen, der Mann oder die Frau sind zu gefährdet. Wir prüfen sehr sorgfältig jeden Einzelfall, wie ernsthaft das Interesse derjenigen ist, in die Öffentlichkeit zu kommen.

Fu Xiancai wollte unbedingt. Er hat sich schon mehrfach in der Lokalpresse geäußert. Er wollte unbedingt ein Interview geben und seinen Namen nennen. Er ist bei den Behörden schon sehr aktiv vorstellig geworden. Insofern deutete hier eigentlich alles darauf hin, dass der Mann schon aufgrund der Prominenz dieses Falles einen gewissen Schutz genießen würde. Dies war nicht der Fall. Wir sind unendlich traurig darüber und werden alles tun, um dem Mann zu helfen. Wir werden ihn nicht allein lassen.

Das Interview führte Jana Seyther.

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