Eingesperrt und abgeschottet

Wer an der Alternativveranstaltung zum G-8-Gipfel in St. Petersburg teilnehmen will, benötigt einen Passierschein. Viele potenzielle Teilnehmer sind zu Hause geblieben, da sie von Geheimdienstmitarbeitern eingeschüchtert wurden. Einige Demonstranten sitzen sogar in Haft.

Hermann Krause, ARD-Hörfunkkorrespondent Moskau

Es ist nicht leicht zu finden, das Kirow-Stadion am Rande von St. Petersburg. Dorthin hat man die Globalisierungsgegner verbannt. Wer in das baufällige Stadion hinein will, braucht einen Passierschein und wird danach einer ziemlich unfreundlichen Kontrolle unterzogen. Die Milizionäre des Innenministeriums geben jedem Besucher das Gefühl, dass sie die Alternativveranstaltung zum G-8-Gipfel für ziemlich abwegig halten. Und wenn man die Stufen zum Stadion erklimmt, bietet sich einem ein ziemlich trostloses Bild. In sengender Hitze stehen verlassen mehrere dutzend braune Zelte, aufgebaut am Rande des Spielfelds.

„Die Polizei holte unsere Leute aus den Zügen“

Der Vertreter des Protest-Komitees, Andre Konowal, ging von 1000 bis 3000 Teilnehmern aus: „Das hört sich für euch im Westen wenig an, für Russland ist das viel. Aber im Moment sieht es so aus, als ob es nicht einmal 1000 werden. Unsere Leute wurden von der Polizei aus den Zügen rausgeholt, aus irgendwelchen Anlässen. Einmal wurde einem sogar ein Sprengsatz untergeschoben oder auch Drogen.“ Dabei sind die Themen, die die jungen Leute diskutieren wollen, alles andere als dramatisch. Das russische Sozialforum beschäftigt sich mit der Situation der Rentner, der Studenten, mit der Misere des Wohnungsbaus.

Geheimdienstmitarbeiter standen vor der Tür

Aus Angst vor Repressionen sind viele potenzielle Teilnehmer zu Hause geblieben. Denn ganz plötzlich standen Geheimdienstmitarbeiter vor der Haustür, beschuldigten die jungen Leute, die politische Situation in Russland destabilisieren zu wollen. Konowal klagt: „Wir haben ein Protestschreiben an die Staatsanwaltschaft geschrieben. Wir möchten wissen, woher sie die Listen mit unseren Namen haben. Man hat uns ausspioniert, unsere Telefongespräche wurden abgehört. Aber auf was für einer rechtlichen Grundlage?“

Im Stadion gibt es nichts zu essen und kein Trinkwasser. Nur eine Dusche ist vorhanden. Die wenigen, bei über 30 Grad dort zusammenhocken, machen eher einen hilflosen, denn einen gefährlichen Eindruck. Eine 16-jährige Schülerin erzählt: „Ich bin einfach so hierher gekommen – aus Moskau. Ich weiß nicht warum. Ich wollte mir einfach St. Petersburg anschauen. Also nicht aus politischen Gründen. Ich möchte gerne einer Organisation beitreten, weiß aber noch nicht welcher.“

Zwei Studenten aus Bielefeld sitzen im Gefängnis

Demonstrationen wie in anderen G-8-Ländern werde es in St. Petersburg nicht geben, so der stellvertretende Innenminister Alexander Tschekalin: „Hier findet ein großes internationales Ereignis statt. Wir geben uns Mühe, dass unsere Polizei nicht auffällt. Aber wenn man einen Polizisten braucht, dann wächst dieser plötzlich aus der Erde und nimmt einen Verbrecher fest.“ Wobei die Polizei mehr als übereifrig ist. Die beiden Studenten aus Bielefeld, die ohne Grund zu zehn Tagen Haft verurteilt wurden, sitzen immer noch. Ihre einzige Hoffnung ist, dass sich Bundeskanzlerin Merkel bei Präsident Putin für eine vorzeitige Entlassung einsetzt.

Original, Google Cache, archive.org

Dieser Beitrag wurde unter tagesschau.de abgelegt und mit verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.