Kofi, Coke und der Pullover von Tony (18.07.2006)

Worüber unterhalten sich Staats- und Regierungschefs eigentlich beim Essen? Über die Wurzeln alles Politischen? Über Theorie und Praxis internationaler Kooperation? Manchmal vielleicht, aber nicht immer. Am Tisch der Mächtigen geht es nicht selten um ganz banale Dinge. Manchmal fallen gar wüste Worte.

Von Georg Schwarte, NDR-Hörfunkstudio Washington

Wer immer schon mal wissen wollte, was Präsidenten und Regierungschefs untereinander reden, wenn die Mikrofone ausgestellt sind, der weiß es jetzt. Beim G8-Gipfel in Russland blieb ein Mikrofon an. Versehentlich.

Die Szene: Mittagessen der Staats- und Regierungschefs am Abschlusstag. George W. Bush schmiert sich Butter aufs Brötchen, hinter ihm stehend der Brite Tony Blair. Es folgen vier Minuten unzensierte Innenansichten der Mächtigen. „Was ist eigentlich mit Kofi?“, fragt Bush Richtung Blair. Der Vorschlag des UN-Generalsekretärs für einen Waffenstillstand im Libanon sei schon komisch, sagt der US-Präsident, während er auf seinem Brötchen kaut. Und dann folgt, worüber Amerika heute diskutiert: „Schau“, erklärt er dem Briten Blair. „Die Ironie ist doch, dass sie Syrien dazu bringen müssen, Hisbollah zu bewegen, mit dieser Scheiße aufzuhören.“ Blair schaut Bush an und fragt. „Wer? Syrien?“

„Ganz genau“, meint Bush, der wenig später offenbar von einem Mitarbeiter gefragt wird, ob er gleich die vorbereitete Abschlussrede halten werde. „Nein“, sagt Bush. „Ich denk mir was aus. Ich werd nicht so verdammt lange reden wie die andern alle. Einige von diesen Kerlen reden einfach zu viel.“

„Acht Stunden bis Peking?“

Dann wendet sich Bush offenbar an den in der Nähe sitzenden chinesischen Präsidenten. „Und? Haben Sie heute Abend noch was vor? Sie brauchen ja nicht so lange bis nach Hause“, sagt der US-Präsident. Als ihm der Chinese Hu antwortet, sein Flug nach Peking werde acht Stunden dauern, stutzt Bush und sagt: „Acht Stunden? So lange brauch‘ ich ja auch. Na ja, Russland und China sind eben ziemlich große Länder.“

Einem vorbeihuschenden Kellner ruft der US-Präsident hinterher: „Keine Cola. Ich will Diet Coke.“ Danach dreht sich Bush zu einem anderen Tischnachbarn, um diesem mitzuteilen, dass der Chinese ganze acht Stunden brauche, um nach Peking zu fliegen. Russland sei eben groß. Genau wie China auch.

Erneut Perspektivwechsel des US-Präsidenten. Er dreht sich zu dem immer noch hinter ihm stehenden britischen Premierminister. „Und, Blair, was hast Du noch vor? Verschwindest doch auch gleich?“, will der amerikanische Präsident wissen. „Nein, noch nicht sofort“, antwortet Blair, der in der Folge immer wieder von Bush unterbrochen wird, ohne dass er seine Sätze und Gedanken zu Ende sprechen kann.

„Ich weiß, Du hast den Pullover selbst ausgesucht“

Als Blair gerade über die deutsche Kanzlerin Merkel redet, unterbricht ihn Bush erneut und sagt: „Ach, übrigens, vielen Dank für das Geburtstagsgeschenk zu meinem 60. Den Pullover. Hast Dir ja sehr viele Gedanken gemacht. Ich weiß, dass Du ihn selbst ausgesucht hast“, sagt Bush – und bricht in Gelächter aus. Dann in Sichtweite Kofi Annan. Bush flüstert Blair zu, ihm sei eigentlich danach gewesen, dem UN-Generalsekretär zu sagen, er solle endlich den Syrer Assad anrufen, damit sich im Nahen Osten was bewege.

In dem Augenblick sieht der Brite Blair offenbar das angeschaltete Saalmikrofon, realisiert, dass der gesamte Dialog mitgeschnitten wurde. Ein Knopfdruck. Dann hat Blair das Mikrofon ausgeschaltet. Als die britische Presse Blair später nach der Mikrofonpanne fragt, antwortet der Premier, man sei halt transparent. Bush wiederum erfuhr erst an Bord der Airforce One von seinem Regierungssprecher vom unfreiwillig öffentlichen Mitschnitt des Mittagsessens. „Was hab ich denn gesagt?“, fragte er seinen Sprecher Tony Snow als erstes – um anschließend die Augen zu verdrehen und zu lachen.

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