Flüchtlingselend im Libanon

Von Jürgen Hanefeld, ARD-Hörfunkstudio Amman

Beirut ist nicht mehr wiederzuerkennen. Die Corniche, die berühmte Uferpromenade, wo bis vor zehn Tagen noch Familien und Liebespärchen flanierten, ist leergefegt. In den Parks dagegen, wo früher Jogger liefen und ältere Herren im Schatten Zeitung lasen, ist kein Platz mehr. Zehntausende campieren dort notdürftig auf engstem Raum unter unsäglichen hygienischen Bedingungen – Menschen ohne Bleibe, Menschen auf der Flucht. Vor zehn Tagen noch hatten sie Häuser, Wohnungen, ein Auto wahrscheinlich, heute haben sie nichts. Es hat ja keine Vorwarnung gegeben. Keiner hat damit gerechnet, niemand hatte Zeit, die Koffer zu packen, Vorräte zu beschaffen, die nötigen Medikamente wenigstens. 500.000 Menschen sind auf der Flucht, schätzt UNICEF, viele von ihnen von jeglicher Versorgung abgeschnitten. Es bahnt sich eine humanitäre Katastrophe an.

Wüssten wir nicht längst, wovon die Rede ist, dann könnte auch ein Erdbeben, ein Vulkanausbruch, ein Tsunami die Ursache dieses Elends sein. Dann aber wären längst Helfer und Hilfslieferungen aus aller Welt eingetroffen, Spendenkonten liefen über und eine Sondersendung jagte die andere. Dieser „Tsunami“ aber heißt Israel, ist keine böse Laune der Natur, sondern ein Nachbar, der bei der Verfolgung seiner Ziele keine Grenzen, keine Gnade und kein Mitleid kennt. Der nicht bereit ist, eine Feuerpause einzulegen, in der Verwundete versorgt und Flüchtlinge aus der Gefahrenzone gebracht werden können. Der nach tagelangen Appellen endlich verspricht, einen Luftkorridor für Hilfslieferungen einzurichten, aber nur, wenn ein entsprechender Antrag gestellt würde. Und der die Zwischenzeit nutzt, um puren Terror zu verbreiten, indem er just hundert Meter neben einem Sammelplatz für Flüchtlinge Raketen einschlagen lässt.

Uno: ein zahnloser Tiger im Konflikt

Da Libanon keine Lobby hat, scheint Israel nichts, aber auch gar nichts zu befürchten, am wenigsten von der sogenannten Weltgemeinschaft. Die Uno, dank der Veto-Macht USA zum zahnlosen Tiger in diesem Konflikt degradiert, spricht zwar immerhin davon, dass der Tatbestand des Kriegsverbrechens erfüllt sein könnte. Aber wen schert’s? Ausreisewillige aus aller Herren Länder werden flugs evakuiert. Aber mit Ausnahme Frankreichs hat keine betroffene Regierung klipp und klar erklärt, was und wer diese überstürzten und gefährlichen Rettungsaktionen notwendig gemacht hat. Ein zaghafter Lernprozess hat offenbar wenigstens in Berlin stattgefunden, wo man nach 300 toten Libanesen offenbar nicht mehr vom Selbstverteidigungsrecht Israels sprechen mag, sondern – spät, aber effizient – bemüht war, Bundesbürger auf Staatskosten aus dem Libanon herauszuholen. Bis auf etwa 350, die im Süden des Landes abgeschnitten seien von jeglicher Kommunikation, sei das auch gelungen, hieß es heute. Man darf gespannt sein, wie die Kosten für die Evakuierung verbucht werden im Etat des Auswärtigen Amtes: Unter „Rettung von Bundesbürgern nach israelischer Aggression im Libanon?“ – Wohl kaum. Wie wäre es mit dem Codewort „Tsunami“?

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