„Nun wird es auch dem Allerletzten klar“

„Das ist das absolute Desaster für den Profi-Radsport“, urteilt Doping-Experte Seppelt angesichts der positiven Probe von Floyd Landis. Die Zuschauer seien vergesslich. So komme es vor allem darauf an, die jetzt die Rennställe, Sponsoren und Fernsehanstalten reagierten, meint Seppelt gegenüber tagesschau.de.

tagesschau.de: Ist Floyd Landis durchgedreht? Wie konnte er offenbar zu Dopingmitteln greifen, wenn doch schon der Start der Tour de France von der Aufdeckung solcher Manipulationen überschattet war?

Hajo Seppelt: Eine mögliche Erklärung ist, dass er nach seinem Einbruch so desillusioniert war, dass er kurzfristig zu Testosteron gegriffen hat. Testosteron ist ein männliches Sexualhormon, dass bei Athleten im Ruf steht, kurzfristig die Aggressionsbereitschaft im Wettbewerb zu steigern.

„Übermenschliche Kraftanstrengungen“

tagesschau.de: Sind nun noch weitere Aufdeckungen zu erwarteten?

Seppelt: Da diese Dopingprobe von der 17. von 19 Etappen stammt, ist es nicht auszuschließen, dass noch Kontrollen von den Etappen danach ein Thema werden, aber zu rechnen ist damit nicht automatisch.

tagesschau.de: Der Sieger gedopt – ist das das absolute Desaster für die Tour?

Seppelt: Das ist das absolute Desaster für den Profi-Radsport. Es bestätigt Aussagen wie die des spanischen Fahrers Jesus Manzano, dass bei diesen schier übermenschlichen Kraftanstrengungen alle, die vorne dabei sind, offensichtlich unter massivem Dopingverdacht stehen.

„Die Vergesslichkeit ist groß“

tagesschau.de: Werden die Zuschauer den Sport noch Ernst nehmen?

Seppelt: Ich glaube, dass, wie das häufig so ist im Leben, auch beim Doping die Vergesslichkeit so groß ist, dass es im nächsten Jahr keine so große Rolle mehr spielt. Die Frage ist nur, wie potente Geldgeber wie Sponsoren und Fernsehanstalten auf so eine Situation reagieren.

tagesschau.de: Sie hatten nach den Aufdeckungen zum Tour-Start scharfe gesetzliche Regelungen auch in Deutschland gefordert. Nun gibt es einen Vorstoß von CSU-Chef Edmund Stoiber. Wird endlich etwas passieren?

Seppelt: Aufgeweckt durch diesen neuerlichen massiven Verdacht gegen den Tour-Sieger wird jetzt auch dem Allerletzten klar werden, dass der Sport und der Staat mit den derzeitigen Instrumenten im Kampf gegen Doping unzureichend aufgestellt sind. Die Profi-Rennställe haben sich ja bereits zu einem Ethik-Code verpflichtet – wenn auch nur mündlich. Aber ich bin gespannt, ob sie glauben, im nächsten Jahr dennoch etwa Herrn Ullrich wieder verpflichten zu können.

Die Fragen stellte Fiete Stegers, tagesschau.de

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