Israel setzt Offensive unvermindert fort

UN-Generalsekretär Kofi Annan hat mit Israel und dem Libanon einen Zeitpunkt für die vom Weltsicherheitsrat geforderte Waffenruhe vereinbart. Die Kampfhandlungen sollen am Montagmorgen um 7 Uhr (MESZ) enden. Nach der libanesischen Regierung billigte auch das israelische Kabinett die UN-Resolution. Auch die radikal-islamische Hisbollah signalisierte Kooperationsbereitschaft.

Von Carsten Kühntopp, ARD-Studio Amman

Auch wenige Stunden vor dem geplanten Inkrafttreten des Waffenstillstands lässt die israelische Armee nicht nach: Am Tag nach Beginn der erweiterten Bodenoffensive sind nun 30.000 Soldaten im Libanon im Einsatz, dreimal so viele wie bisher. Es ist eine der größten Armeeaktionen seit Jahrzehnten.

Die Luftwaffe flog auch vergangene Nacht wieder zahlreiche Angriffe. Besonders Tyrus und ein Dorf östlich davon wurden getroffen. Eine Mutter und ihre drei Kleinkinder sowie eine Hausangestellte kamen ums Leben, als Kampfjets das Wohnhaus der Familie in Trümmer legten. Mit bloßen Händen versuchten Nachbarn, die Opfer aus den Ruinen zu holen. Rettungskräfte kamen selbst Stunden später nicht zu dem Dorf durch, da die Gegend immer wieder aus der Luft angegriffen wurde.

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In Tyrus beschossen Kampfjets fünf Tankstellen, zwei davon in unmittelbarer Nähe eines Krankenhauses. Es brach ein gewaltiges Feuer aus, dessen Flammen auf das Krankenhaus überzuschlagen drohten. Auch hier war es wegen der fortgesetzten Luftangriffe für die Feuerwehr zunächst unmöglich, zu Hilfe zu kommen. Auch der Süden Beiruts wurde wieder angegriffen. Insgesamt wurden nach Angaben der libanesischen Polizei seit gestern mindestens sieben Zivilisten getötet.

Vorbereitungen für die Zeit nach den Kämpfen

Die libanesische Regierung hat unterdessen mit den Vorbereitungen für die Umsetzung der UN-Resolution begonnen. Noch ist nicht klar, wann sie erste Armeeeinheiten in den Süden des Landes schicken wird. Unklar ist ebenfalls, wann die ersten zusätzlichen Blauhelmsoldaten eintreffen werden, die die gegenwärtige Beobachtermission Unifil im Südlibanon verstärken sollen.

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Nach Ansicht von Timur Goksel von der Amerikanischen Universität Beirut, der früher Sprecher der Unifil war, wird die Mission künftig etwas kraftvoller auftreten können, weil sie über ein friedenserhaltendes Mandat nach Kapital 6 der UN-Charta verfügt. Darin wird der Gebrauch von Gewalt nur als allerletztes Mittel festgeschrieben. „Ursprünglich sollte es eine Resolution nach Kapitel 7 werden, das den Einsatz von Gewalt zur Durchsetzung des Mandats erlaubt“, erklärt der Professor. „Doch die Libanesen und die Hisbollah waren dagegen. Deshalb wurde es lediglich ein Mandat zur Friedenserhaltung, aber auf Wunsch der USA und Israel gab man Unifil mehr Zähne und machte sie robuster. Wenn man so will, ist es Kapitel sechseinhalb.“

„Keine Mittel für einen richtigen Krieg“

Doch dies wird die Aufgabe der Unifil nicht unbedingt einfacher machen, meint Goksel. Etwa wenn Blauhelme zum Beispiel auf Hisbollah-Kämpfer stoßen, die dort gar nicht mehr sein sollten. „Nach den alten Richtlinien hätte man versucht, mit ihnen zu reden oder ihre Führer zu verständigen, oder man hätte versucht, ihre Führer über die Armee zu kontaktieren. Unter dem neuen Mandat kann man nun aber Waffen einsetzen“, erläutert Goksel. Für die Unifil-Soldaten könnte das dann folgendermaßen aussehen: „Sollten sie mit Waffengewalt versuchen, dich an der Durchsetzung deiner Aufgabe zu hindern, dann darfst du jetzt selbst zur Waffe greifen.“ Das klinge aber einfacher als es ist, schränkt Goksel ein. „Eine friedenserhaltende Truppe hat nicht die Mittel, um einen richtigen Krieg gegen eine Macht wie die Hisbollah zu führen. Stattdessen wird man jetzt viel mehr auf die libanesische Armee setzen, die die Hisbollah viel eher akzeptiert.“ Zu glauben, dass eine internationale Truppe nach Libanon kommen könnte, um sich dann mit Gewalt durchzusetzen – das werde nicht funktionieren, warnt Goksel.

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