Das unzufriedene Heer der Reservisten

Der offene Brief hat es in sich. Fast alle israelischen Tageszeitungen haben die Kritik einer Reservisten-Brigade an der Armeeführung heute abgedruckt: Unfähigkeit, Mangel an Voraussicht und schlechte Vorbereitung sind die wichtigsten Punkte ihrer Abrechnung mit den oberen Rängen des Militärs.

Von Torsten Teichmann, Hörfunkstudio Tel Aviv

Die Reservisten machen mobil – gegen die eigene Armeeführung. Unfähigkeit, Mangel an Voraussicht und unzureichende Vorbereitungen sind die Kritikpunkte der Kämpfer an den oberen Rängen des israelischen Militärs.

Fast alle Tageszeitungen haben den offenen Brief einer Reservisten-Brigade heute abgedruckt. Es ist ein Wut-Ausbruch, eine Abrechnung mit den Vorgängen der vergangenen Wochen. Die Entscheidungsträger hätten in dem gewaltsamen Konflikt „kalte Füße“ gehabt, das sei überall zu spüren gewesen, heißt es in dem Brief. „Wir sind nicht bereit, Unentschlossenheit zu akzeptieren. Das Kriegziel, das nicht klar definiert war, wurde sogar während der Kämpfe verändert“, so ein weiterer Auszug.

„Unprofessionelle Überlegungen“

Die israelische Regierung hatte zu Beginn den Einsatz des Militärs mit der Entführung zweier israelischer Soldaten durch Kämpfer der Hisbollah begründet. Als die Hisbollah Städte im Norden Israels mit Raketen angriff, wurde daraus der Kampf gegen die Stellungen der militanten libanesischen Organisation. Die Hisbollah sollte vertrieben und entwaffnet werden. Schließlich erklärte Vizepremier Amir Peres kurz vor der Waffenruhe, der militärische Feldzug habe lediglich den Weg für eine diplomatische Lösung bereiten sollen.

Bis heute sind die entführten Soldaten nicht freigekommen. Es gibt kein Lebenszeichen von ihnen. Dafür stünden israelische Truppen im Südlibanon, ohne klaren Auftrag, bemängeln die Reservisten. „Die Unentschlossenheit hat zu einer anhaltenden Stationierung in feindlichem Gebiet geführt, ohne operationales Ziel und aus unprofessionellen Überlegungen heraus, ohne das Gefecht mit dem Feind zu suchen.“

„Truppen nicht ausreichend vorbereitet“

Die Soldaten sind nach der UN-Resolution sogar angehalten, jede Feindseligkeit zu vermeiden – auf fremdem Territorium. Auch von einigen hochrangigen Militärs kommt deshalb Kritik, sogar an der eigenen Person. Brigade-General Yossi Hyman, bis gestern Chef der Infanterie, erklärte, die Verantwortung laste auf seinen Schultern. Er habe seine Truppen nicht genügend vorbereitet. Aber das ist eine Ausnahme. Der Chef der Armee steht zwar in der Kritik, aber nur, weil kurz vor Ausbruch der Kämpfe ein Aktienpaket verkauft hat. Ministerpräsident Ehud Olmert muss Grundstücksgeschäfte erklären. Justizminister Haim Ramon hat sein Amt niedergelegt. Er muss sich in einem Verfahren wegen sexueller Belästigung verantworten.

Alles nur Ablenkung, kritisieren die Reservisten in ihrem offenen Brief indirekt. „Wir sind nun in der Zeit danach und es scheint als seien Unsittlichkeit und der Mangel an Scham die Feigenblätter, die die Fehler verhüllen sollen. Die Fehler der vergangenen sechs Jahre und die geringe Vorbereitung der Armee sind auf unseren Rücken gefallen – auf den Rücken der Kämpfer.“

Die Brigade der Reservisten fordert Konsequenzen. Sonst könne es kein Vertrauen mehr geben, zwischen der Führung der Armee und den Soldaten. Der Brief endet mit einer Forderung. Als Soldaten und Bürger erwarten die Unterzeichner eine Antwort – so schnell wie möglich.

Original, Google Cache, archive.org

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