Ein letztes Stück „Freiheit“ – im eigenen Auto

Für Raucher sind es schwierige Zeiten, denn auch in Deutschland sollen bald weitreichende Rauchverbote gelten. Jetzt beispielsweise beschloss das Land Berlin, dass bis Ende 2007 alle öffentlichen Einrichtungen und Krankenhäuser rauchfrei werden. Doch ein letztes Stück „Freiheit“ bleibt – im eigenen Auto. Denn im Gegensatz zum Handy ist die Zigarette am Steuer nicht verboten – obwohl auch dies immer wieder gefordert wird.

Von Alexander Bommes für tagesschau.de

Von „Überregulierung“, „gewagtem Unterfangen“ bis hin zur „Sommerlochdebatte“ – in der immer wieder aufflammenden Diskussion um ein Rauchverbot am Steuer gibt es ausnahmsweise einmal Konsens – und zwar fraktionsübergreifend. Während Politiker von SPD und Union im Mai 2005 ein solches Verbot noch durchsetzen wollten, lehnen die im Bundestag vertretenen Parteien dies nun überwiegend ab.

„Nicht alles kontrollieren“

Zwar räumt Horst Friedrich, verkehrspolitischer Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion, ein, dass nach einem Handy- auch ein Rauchverbot am Steuer „nur konsequent“ wäre, um jedoch sofort zu ergänzen: „Wir waren schon gegen ein Handy-Verbot; man sollte wirklich nicht alles kontrollieren wollen.“

So sehen es auch die Sozialdemokraten: Man solle sich mit Überreglementierungen in Deutschland zurückhalten, teilt die Bundestagsfraktion mit. Erst im Fall einer entsprechenden EU-Richtlinie werde ein Rauchverbot am Steuer ein Thema für die SPD.

„Wenn wir den Menschen nicht mal mehr eine private Restzone im Auto zugestehen, wird es langsam aber sicher problematisch“, sagt auch der verkehrspolitische Sprecher der Grünen, Winfried Herrmann.

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„Was soll denn noch alles verboten werden?“

Die Verbraucherschutzbeauftragte der CDU/CSU-Fraktion, Julia Klöckner, geht sogar noch einen Schritt weiter: „Was soll denn noch alles verboten werden? Lippenstift nachziehen? Und wer soll das kontrollieren? Mal ehrlich: Die Leute sollten nicht gegängelt werden.“

Das hat ihre Partei allerdings nicht immer so gesehen. Es war CDU-Politikerin Katherina Reiche, die mit der klaren Forderung eines Rauchverbots am Steuer und entsprechenden Strafen für Aufsehen sorgte. Dann warnte auch SPD-Verkehrsexperte Peter Dancker vor einer drastischen Steigerung der Unfallgefahr durch das Qualmen im Auto.

Erhöhte Unfallgefahr?

„Sicherlich“, gibt Maximilian Maurer vom ADAC zu, „alles, was vom konzentrierten Autofahren ablenkt, muss vermieden werden. Dazu gehören dann aber theoretisch auch Essen, Trinken oder das Bedienen von Navigationssystemen.“ Auch ein Streit mit Insassen oder lärmende Kinder auf dem Rücksitz seien „Hemmer“ in der Konzentration. „Mit einer Zigarette im Mund kann man sehen und lenken. Und herunterfallen können auch CDs oder ein Schnuller. Es geht hier wohl eher um den Glaubenseifer von Nichtrauchern“, meint Maurer. „Ich sehe keine unmittelbare Gefährdung.“

Der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GdV) hat nach Auskunft von Sprecher Stephan Schweda „Rauchen am Steuer“ nicht mal als ausgewiesene Größe in der Unfallstatistik. Ein Raucher, der einen Unfall verursacht, verliert auch nicht prinzipiell seinen Versicherungsschutz. „Nur, wenn ein klarer Kausalzusammenhang zwischen der Ablenkung durch die Zigarette und dem verursachten Unfall besteht. Dann kann unter Umständen grobe Fahrlässigkeit vorliegen“, sagt Schweda. „Aber das müssen sie erst mal nachweisen.“

Eigenverantwortung ja – Gesetzesregelung nein

Bereits jetzt verzichten mehr als 50 Prozent der Raucher auf die Zigarette im Auto – so eine Studie des Automobilclubs von Deutschland (AvD). Die Gründe sind unterschiedlich. Einige tun es aus Rücksicht oder gesundheitlichen Gründen, andere befürchten in der Tat, vom Verkehrsgeschehen abgelenkt zu werden. Bastian Roet vom AvD weist darauf hin, dass „man ja auch bei Stress und dichtem Verkehr das Radio leiser dreht oder bei hohem Tempo beide Hände ans Steuer legt. Das ist normales Fahrverhalten und steht auch nicht zur gesetzlichen Disposition.“

Auch Roet hält eine Verbotsregelung, wie sie beispielsweise in Belgien und Schottland existiert, hierzulande für unnötig und appelliert stattdessen an die Verantwortung aller Teilnehmer im Straßenverkehr.

Es darf also weiterhin geraucht werden im Auto. Die Zahl derer, die es tun, wird aber laut Studien immer kleiner. Das hat neben Höflichkeit und Sicherheit noch einen ganz pragmatischen Grund: Ein „Raucher-Auto“ zu verkaufen wird immer schwieriger. Und der eigene Geldbeutel ist immer ein Thema – nicht nur im Sommerloch.

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