Der Reformer geht

Es ist ein wohl organisierter Wechsel: Japans Ministerpräsident Koizumi scheidet aus seinen Ämtern. Seine LDP wählte heute Vize-Regierungschef Abe zum neuen Parteivorsitzenden, er soll in der kommenden Woche auch an die Spitze des Kabinetts treten. Abe tritt ein schweres Erbe an.

Von Martin Fritz, ARD-Hörfunkstudio Tokio

Mit dem Abtritt von Junichiro Koizumi als Chef seiner Liberaldemokraten geht eine goldene Ära der japanischen Nachkriegsgeschichte zu Ende. Denn während der letzten fünfeinhalb Jahre setzte dieser löwenmähnige Politiker viele der alten Regeln Nippons außer Kraft. Das heutige Japan ist deutlich weniger sozialistisch und pazifistisch als früher. Marktwirtschaft und Globalisierung sind keine Fremdwörter mehr.

Koizumis Erfolg beruhte auf seinem völlig unjapanischen Stil. Er suchte nicht den Kompromiss, sondern ging auf Konfrontation, wartete nicht auf den Konsens, sondern zog alle Macht an sich und entschied im Alleingang. Als seine Partei die Post nicht privatisieren wollte – das Herzstück seiner Reformen, löste er das Parlament auf, verjagte seiner innerparteilichen Gegner und appellierte direkt an das Volk, ihn zu unterstützen.

Neues Verständnis vom Staat

Sein Kalkül ging auf: Koizumis Liberaldemokraten regieren seitdem mit absoluter Mehrheit. Die Postsparkasse, das größte Geldinstitut der Welt, wird privatisiert. Diese Reform wurde zum Symbol dafür, dass der Staat und die Macht seiner Beamten schrumpfen, zum Symbol für einen Stopp der Umverteilung, denn die Politiker finanzierten mit den Spareinlagen der Post die Wünsche ihrer Lobbys.

Koizumis größte Leistung sei gewesen, „dass er es geschafft hat, Japan fünf Jahre lang auf Strukturveränderungen fokussiert zu halten“, meint Martin Schulz vom Fujitsu-Forschungsinstitut. Das Timing sei glücklich gewesen, denn Japan habe in den Jahren 2000 und 2001 seine Talsohle errreicht gehabt. „Ohne diese starke Fokussierung auf Veränderungen hätten wir nicht das gesehen, was wir heute haben.“

Wachsende Wirtschaft, wachsende soziale Kluft

Unter Koizumis Führung ist Japan wie ein Phönix aus der Asche gestiegen. Die Wirtschaft wächst in diesem Jahr voraussichtlich um knapp drei Prozent. Die Großbanken, einst im Strudel fauler Kredite, schreiben fette schwarze Zahlen. Die Arbeitslosenquote ist um ein Viertel gesunken. Aber Wandel und Wachstum waren von Schmerzen begleitet – genau wie es Koizumi den Japanern vorhergesagt hatte.

Die Mittelschicht schrumpfte, die Schere zwischen Arm und Reich öffnete sich wie noch nie. Abseits vom boomenden Tokio verwandelten sich viele Dörfer und Kleinstädte in Geisterlandschaften. Mehr als jedes andere Industrieland verlagerte Japan Arbeitsplätze ins Ausland. Jedes zweite japanische Auto wird nicht mehr in der Heimat gebaut. Für viele Japaner ist damit die Schmerzgrenze der Globalisierung erreicht.

Ohne Koizumi wird der Reformschwung verebben. Aber einen Rückfall in frühere Zeiten erwartet Experte Martin Schulz trotzdem nicht. Die „Restrukturierung vor allem im Unternehmensbereich“ sei so weitreichend und der „Optimismus in Bezug auf was Japan in Asien erreichen kann“ sei so groß, dass die Wiederkehr der „Depression der neunziger Jahre“ unwahrscheinlich sei.

International isoliert

Weniger glänzend ist Koizumis außenpolitisches Erbe. Er stärkte das Bündnis mit den USA, schickte gegen die öffentliche Meinung japanische Soldaten in den Irak. Den traditionellen Pazifismus ersetzte der inzwischen 64-jährige durch Nationalismus. Demonstrativ besuchte Koizumi immer wieder eine umstrittene Gedenkstätte für Kriegstote. China und Korea gingen deshalb auf Distanz.

Auf der Weltbühne hat das neue selbstbewusste Japan nun zwar mehr Gewicht. Aber in Asien ist das Inselland, obwohl Wirtschaftsmacht und Geldgeber Nummer Eins, derzeit ziemlich isoliert.

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