„Bewegen müssen sich vor allem die Industrieländer“

Er ist der ranghöchste Deutsche bei der Uno: Achim Steiner, Chef des Umweltprogramms Unep, ist am 23. September 100 Tage im Amt. Er möchte die Behörde mit Sitz in Nairobi schlagkräftiger machen, sagt Steiner. In der Klimadebatte soll die Unep wieder die Führungsrolle übernehmen.

Von Marc Engelhardt, Nairobi, für tagesschau.de

Von der Dachterrasse vor seinem Büro im dritten Stock sieht Achim Steiner seit einigen Wochen auf eine Baustelle. Dort wird die Zentrale des UN-Umweltprogramms um um ein Tagungszentrum erweitert – rechtzeitig zum Klimagipfel Anfang November, wenn mehr als 5000 Delegierte erwartet werden. Für den 45-Jährigen, der am 15. Juni die Nachfolge von Klaus Töpfer als Chef des UN-Umweltprogramms angetreten hat, ist das Treffen die erste große Bewährungsprobe. Er will erreichen, dass die Gespräche über den Klimaschutz endlich aus der Sackgasse kommen.

„Bewegen müssen sich vor allem die Industrieländer, die unbestritten die historische Verantwortung für den Klimawandel tragen”, fordert Steiner. Er klingt ein bisschen empört, als handele es sich um eine Selbstverständlichkeit. “Die reichen Länder dürfen sich nicht hinstellen und von den Entwicklungsländern Opfer verlangen, die sie selbst seit Jahrzehnten nicht zu bringen bereit sind.” Steiner fordert eine “neue Symmetrie”. Natürlich brauche es auch Zugeständnisse von China, von Indien oder Südafrika, um den Klimawandel aufzuhalten. “Aber den ersten, großen Schritt müssen die EU und die USA machen.”

„Wasser ist ein ganz akutes Problem“

„Der Klimawandel liegt nicht irgendwo in der Zukunft, er ist längst Realität“, konstatiert Steiner. Unep müsse deshalb eine neue Führungsrolle in der Klimadebatte übernehmen. Zwar hat das Umweltprogramm eine herausragende Rolle bei der Verhandlung der Klimarahmenkonvention gespielt, doch seitdem hat ein eigenes Sekretariat in Bonn das Follow-up übernommen. „Unep muss seine Stimme bei der Klimapolitik wiederfinden, vor allem in der Frage, was nach dem Kyoto-Protokoll 2012 kommen soll“, fordert Steiner. „Schließlich ist es unser Kernauftrag, wissenschaftliche Erkenntnisse politisch umsetzbar zu machen.“ Der konkrete Umgang mit bereits sichtbaren Folgen des Klimawandels im Süden müsse dabei eine wichtige Rolle spielen. „Wasser ist etwa ein ganz akutes Problem.“

Nothilfe entscheidet über Ausmaß der Schadens

Ein anderes Aufgabenfeld sieht Steiner in den weltweit zunehmenden Krisen. Als etwa bei der israelischen Bombardierung Libanons ein riesiger Ölteppich ins Mittelmeer austrat, passierte fünf Wochen lang nichts. „Es ist tatsächlich immer häufiger so, dass kollektive Interessen von nationalem Interesse überrollt werden“, kritisiert Steiner. „Aber das macht das multilaterale System nur umso wichtiger.“ Reagieren will Steiner mit schnell arbeitenden, effektiven Teams, die Mandat und Expertise für Notfälle haben. „Mit Jan Egeland, dem humanitären Koordinator der Uno, habe ich dafür bereits eine stärkere Zusammenarbeit vereinbart.“ Unep müsse im Falle von Krisen, Erdbeben oder anderen Katastrophen „Nothilfe für die Umwelt“ leisten können. „Was man innerhalb der ersten 48 Stunden nach einer Katastrophe macht, entscheidet oft über den Unterschied zwischen einem Millionen- oder einem Milliarden-Schaden.“

„Fälle wie Abidjan in Zukunft mit Sicherheit häufiger“

Auch der Giftmüll-Skandal von Abidjan, wo mehr als 500 Tonnen europäischen Abfalls illegal in der Elfenbeinküste deponiert wurden, habe Konsequenzen für Unep. „Fälle wie in Abidjan wird es in Zukunft mit Sicherheit häufiger geben“, glaubt Steiner. In Europa gebe es schärfere Kontrollen, deshalb würden Kriminelle in politisch instabile Länder ausweichen, wo die Verklappung zudem noch billiger sei. „In der globalisierten Wirtschaft ist es einfacher geworden, solche Transporte durchzuführen.“ Aufgabe von Unep sei es, dafür zu sorgen, dass internationale Konventionen wie die von Basel tatsächlich eingehalten würden. Das sei wichtiger als die Aushandlung neuer Verträge – immerhin gebe es bereits mehr als 600 internationale Konventionen, die sich mit Umweltfragen beschäftigten.

Mehr Geld, mehr Know-How

Um all das zu erreichen, setzt Steiner auf Know-How von außen. Wenige Wochen nach seinem Amtsantritt veröffentlichte Unep einen Aufruf: „Unep sucht Umwelt-Führungskräfte – dynamisch, kreativ, ergebnis- und zukunftsorientiert.“ Steiner schmunzelt. „Als ich angefangen habe, hatten wir mehr als hundert freie Stellen -für mich war klar, dass wir die schnell besetzen müssen, und zwar mit den besten verfügbaren Leuten.“ Steiner versichert, Talente im eigenen Haus würden nach wie vor gefördert. „Wir müssen aber auch die führenden Leute von außerhalb in die Organisation reinholen.“ Das Echo auf den Aufruf war enorm: Vier Mal so viele Bewerbungen wie sonst – „und es sind sehr viele hoch qualifizierte Bewerber dabei.“

„Wir brauchen mehr Geld“

Von den Mitgliedsländern fordert Steiner mehr Engagement. „Unsere Ausstattung steht in keinem Verhältnis zum Bedarf oder gar unseren Möglichkeiten.“ Nominell stehe Unep heute auf dem gleichen Finanzierungsniveau wie beim Rio-Gipfel 1992. „Und das, obwohl von uns nicht nur eine Führungsrolle bei Umweltfragen, sondern auch in Entwicklungsfragen erwartet wird, das gehört schließlich zur Nachhaltigkeit dazu.“ Steiner nennt das eine schizophrene Realität. “Und das habe ich den Regierungen auch gesagt: Wir brauchen mehr Geld.”

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