Blair beschwört eine unbekannte Zukunft

Es ist Tony Blairs letzter Parteitag als Chef der Labour-Partei. Ein Aufbruch in eine neue Zeit soll das Treffen sein. Erstmals tagen die „Whigs“ nicht mehr im Seebad Brighton, sondern in Manchester. Draußen wird das Treffen begleitet von Protesten der Bevölkerung gegen die Regierung, drinnen von Fragen der Delegierten zu Blairs Nachfolge.

Von Silke Engel, RBB-Hörfunkstudio London

Geschäftiges Treiben in der Innenstadt: Lobbygruppen verteilen Einladungen, Delegierte tauschen sich aus. Manchester zeigt sich von seiner vitalen Seite, den Blick nach vorne gerichtet und nicht zurück. An den Protestmarsch der Kriegsgegner und Blair-Kritiker am Samstag erinnern nur noch aufgeweichte Plakate. „Die Zukunft Großbritanniens“ – so lautet das Motto der Labour-Konferenz. Insofern muss es auch symbolisch gedeutet werden, dass die Partei in diesem Jahr nicht mehr im englischen Seebad Brighton, sondern in Manchester tagt.

Labour-Chef Tony Blair lobt die Industriestadt im Norden: „Vor zehn Jahren hatte eine Bombe der IRA die Innenstadt von Manchester zerstört, jetzt stehen überall moderne Gebäude; die Arbeitslosenquote ist so niedrig wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Dies ist eine aufstrebende Stadt.“

Blair-Nachfolge eigentliches Thema

Doch es geht nicht nur um eine neue politische Richtung für die britischen Sozialdemokraten. Eigentlich ist das Thema in Manchester die Nachfolge von Tony Blair und die damit verbundene Zukunft von Schatzkanzler Gordon Brown. Der wird seit langem als neuer Labour-Chef gehandelt. Doch Tony Blair benennt Brown nicht direkt als seinen Wunschkandidaten und lehnt erneute Personaldiskussionen ab.

In den kommenden fünf Tagen soll es ausschließlich um Politikinhalte gehen, sagt er zum Auftakt des Parteitages: „Gordon ist ein fantastischer Finanzminister, er hat für das Land und die Partei viel getan. Das steht außer Frage. Aber in dieser Woche reden wir über das, was die Menschen angeht. Denn wir beide sind uns einig, jetzt muss eine Agenda für die Zukunft aufgestellt werden.“

Brown muss Partei und Land gewinnen

Doch für einen Teil der Delegierten ist auch die Führungsfrage entscheidend: Denn Personen geben Richtungen vor. So richten sich die Scheinwerfer am Montag also auf Gordon Brown. In seiner Rede muss er Partei und Land für sich gewinnen und erklären, wie er Labour voranbringen will. Bisher hat er wenig Konkretes dazu in der Öffentlichkeit gesagt. Dafür tourt der oft mürrisch wirkende Schotte jetzt durchs Fernsehen und versucht lächelnd gegen sein Image anzugehen. Brown gilt als Eigenbrödler, manche unterstellen ihm, er sei ein Kontrollfreak und könne nicht im Team arbeiten.

Mary Jordan hält von dem Profilierungstheater wenig. Sie ist eine Delegierte vom alten Schlag und hofft auf fruchtbare Diskussionen. Die hoch betagte Dame aus West-Sussex ist seit über 60 Jahren Labour-Mitglied: „Was andere denken, interessiert mich nicht, die beschweren sich doch nur. Wenn die öfter mal zuhören würden, wäre schon einiges erreicht. Ich habe Tony Blair von Anfang an verehrt, bis heute. Aber was momentan passiert, die internen Streitereien, damit bin ich nicht einverstanden.“

Zu viele Kriegseinsätze

Das überzeugte Gewerkschaftsmitglied meint vor allem die jüngsten Privatisierungen im Gesundheitswesen. Aber auch der außenpolitische Kurs von Labour stößt bei ihr zunehmend auf Ablehnung – zu viele Kriegseinsätze. Sie kann sich außer Brown auch noch andere an der Spitze der Partei vorstellen. Bildungsminister Alan Johnson etwa oder Arbeitsminister John Hutton. Ein abschließendes Urteil hat sich Mary Jordan noch nicht gebildet.

Torys sahen lange nicht mehr so gut aus

Und was macht Tony Blair nach seinem Rückzug? Kommt er zum nächsten Parteitag als einfacher Abgeordneter? Keiner weiß es. Das dürfte auch davon abhängen, wie seine letzte Rede als Parteichef am Dienstag von den Mitgliedern aufgenommen wird, und ob es ihm gelingt, dem Zug der britischen Sozialdemokraten eine neue Lok voranzustellen – oder ob die Labour-Eisenbahn erst einmal weiter rattert, bis sie entgleist und aus dem Verkehr gezogen wird -also vom Wähler auf die Oppositionsbank geschickt wird. In den Umfragen jedenfalls liegt Labour seit Monaten hinter den Konservativen. Und im Vergleich zu dem jungen Tory-Chef David Cameron schneidet Schatzkanzler Brown verheerend ab.

Original, Google Cache, archive.org

Dieser Beitrag wurde unter tagesschau.de abgelegt und mit verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.