Benedikt XVI. empfängt Islam-Vertreter

Es ist eine Premiere, auf die der Vatikan gerne verzichtet hätte: Zum ersten Mal lädt ein Papst eine komplette Staatengruppe zur Audienz, um diplomatische Miss­­stimmung aus der Welt zu schaffen, die vom Heiligen Vater selbst ausgelöst wurde.

Von Jörg Seisselberg, ARD-Hörfunkstudio Rom

Von der „schwersten Krise“ im Pontifikat Benedikts schreiben in Rom auch ansons­ten vatikan-freundliche Zeitungen. In den über 2000 Jahren der katho­li­schen Kir­che, kommentiert kopfschüttelnd die linksliberale „La Repubb­lica“, sei es noch nie vorgekommen, dass ein Papst eine seiner Äußerungen öffentlich gleich mehr­­fach bedauern musste. Zuletzt hatte Benedikt bei der General­audienz am Mittwoch eingeräumt, sein umstrittenes Zitat, der Prophet Moham­­med habe nur „Schlechtes und Inhumanes“ gebracht, sei unglück­lich gewesen: „Dieses Zitat war leider dazu geeignet, missverstanden zu werden.“

Demonstrative Demut

Benedikts demonstrative Demut der vergangenen Tage soll den Weg bereiten für einen neuen Dialog. Ein erster Erfolg: Die heutige Einladung des Papstes haben alle wichtigen muslimisch geprägten Länder angenommen. Zur Audienz nach Castelgandolfo kommen unter anderem die Bot­schaf­ter Ägyptens, Irans, der Türkei, des Iraks, Libyens und Indonesiens.

Kurienkardinal Paul Poupard, der Chef des päpstlichen Rats für den inter­reli­giösen Dialog, wird das heute Mittag beginnende Gespräch mit einer kurzen Rede einleiten. Er hoffe, sagte Poupard, dass bei dem Treffen die Nähe zwischen Christen und Moslems deutlich werde. „Wir alle wollen als Brüder zusammenarbeiten im echten, tiefen Dialog mit großem Respekt und auch mit Selbstkritik.“

Angst vor aufgeheizter Stimmung

Die gewalttätigen Proteste in der islamischen Welt gegen das umstrittene Papst-Zitat haben in den ver­gangenen Tagen nachgelassen, sind aber nicht völlig abgeklungen. Nach den jüngsten Frei­tagsgebeten demonstrierten in Teheran, in Kabul und im Gazastreifen teilweise mehrere tausend Menschen gegen den Papst. Der Vatikan fühlt sich in diesem Konflikt unter Zeitdruck. Die größte Angst ist, dass einige islamische Fundamentalisten die Anti-Papst-Stimmung bis Ende November weiter an­hei­zen, bis zur geplanten Reise Benedikts in die Türkei.

Ein Besuch des Papstes in der muslimischen Welt, begleitet von aggressiven Protesten, ist für den Vatikan eine Horrorvorstellung. Vom Treffen heute in Castelgandolfo wird erwartet, dass der Papst seine Linie der vergangenen Tage fortsetzt, seinen tiefen Respekt für den Islam betont und deutlich macht, dass seine Regensburger Rede nicht gegen die Moslems gerichtet war, sondern – im Gegenteil – eine Aufforderung zum friedlichen Dialog der Religionen sein sollte.

Zeitung: Papst hat Probleme nach innen

Nach einem Bericht des größten italienischen Nach­rich­ten­magazins „L’Espresso“ hat Benedikt aber derzeit nicht nur Probleme nach außen, sondern auch nach innen. In der Kurie, die der Papst zuletzt mit einigen Perso­nal­­ent­schei­dungen vor den Kopf gestoßen hat, gebe es, berichtet der Vatikan-Experte des Blattes, erstes Gemurre über die – Zitat – „Untaug­lichkeit“ des Papstes in der Weltpolitik.

Rückendeckung hat der Papst am Wochenende von EU-Kommissionspräsident Jose Manuel Barroso bekommen. Er sei enttäuscht, so Barroso, dass im Streit mit der arabischen Welt nicht mehr europäische Führer Benedikt verteidigt hätten. Hessens Ministerpräsident Roland Koch betonte, die kritisierte Rede des Papstes habe auf einen friedfertigen religiösen Dialog gezielt. Wenn Menschen in islamischen Ländern eine solche Aufforderung nicht vertragen können, so Koch im Interview mit dem Magazin „Focus“, stelle sich die Frage nach ihrem Werteverständnis.

Original, Google Cache, archive.org

Dieser Beitrag wurde unter tagesschau.de abgelegt und mit verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.