„Vermutlich viel Gerede, aber keine Zukunftsvision“

Der muslimische Verein „inssan“ in Berlin wirbt für einen toleranten Islam deutscher Prägung. Mit Aktionen und interreligiösen Gesprächen wollen die Mitglieder das schlechte Image des Islam aufpolieren. Von der Islam-Konferenz hingegen erwarten sie nicht viel.

Von Ulrich Bentele, tagesschau.de

Die junge Frau, die in dem Büro in Berlin-Kreuzberg am PC sitzt und gerade an einem Ausstellungs-Konzept über islamische Pilger arbeitet, irritiert den Besucher. Denn Nina Mühe ist deutsche Muslima. Vor fünf Jahren trat die damalige Protestantin zum Islam über – mit allen Konsequenzen. Sie trägt Kopftuch, hält den Ramadan ein, betet fünfmal täglich – und für die Singlefrau kommt auch nur ein Muslim als Ehemann in Frage.

Deutsche Sprache als Grundlage

Türkisch oder arabisch spricht Mühe nicht. Zum Gebet fährt sie deshalb oft in eine Moschee in den Bezirk Wedding, weil dort der Imam auf deutsch predigt – eine große Ausnahme, auch in Berlin. Die Imame, die in Deutschland vorbeten, sind alle im Ausland ausgebildet worden. Oft haben sie Zeitverträge und sind nur wenige Jahre in Deutschland. Viele sprechen fast kein deutsch. Ein Problem – nicht nur für Nina Mühe.

„Es ist total wichtig, dass diese Leute auch hier ausgebildet werden, sonst können sie doch die Denkweise der in Deutschland aufgewachsenen Muslime überhaupt nicht verstehen“, meint die 33-Jährige. Gerade die zweite und dritte Generation junger Muslime wünsche sich einen deutschsprachigen Ansprechpartner – auch im geistlich-spirituellen Bereich. Die deutsche Sprache sei „eine wesentliche Grundlage für einen Islam deutscher Prägung“, so Mühe.

„Bescheidenheit, Großzügigkeit, Aufrichtigkeit“

Die studierte Ethnologin arbeitet beim muslimischen Verein „inssan – für kulturelle Interaktion“. Der Begriff kommt aus dem Arabischen und bedeutet „Menschlichkeit“. Der Verein will helfen, Vorurteile gegen den Islam abzubauen. „Bescheidenheit, Großzügigkeit, Aufrichtigkeit – das sind Werte, die ich mit dem Islam verbinde“, sagt Mühe. Der Islamismus und der Terror in der Welt haben dem Islam hingegen ein Image verpasst, welches kaum schlechter sein könnte. Mühe und ihre Mitstreiter wissen das. „Jeder Anschlag ist ein Riesenschock. Unschuldige Menschen sterben und das Misstrauen gegen den Islam wächst.“

Am Konferenztisch im Vereinsgebäude sitzen ein Inder, ein Libanese, ein Halbägypter und die deutsche Nina. Gesprochen wird auf deutsch. „Das ist uns ganz wichtig“, sagt Chaban Salih. „Wir sind eine muslimische Organisation, die sich für einen Islam deutscher beziehungsweise europäischer Prägung einsetzt.“ Mit radikalislamistischen Inhalten wollen die jungen Menschen hier am Tisch nichts zu tun haben.

Wenig Hoffnung auf Islam-Konferenz

Der Dialog zwischen Christen und Muslimen, aber auch zwischen dem deutschen Staat und dem Islam müsse dringend ausgebaut werden. Von der Islam-Konferenz, zu der Innenminister Wolfgang Schäuble eingeladen hat, hält Salih „grundsätzlich viel, konkret aber fast gar nichts“. Da werde wieder viel geredet, vor allem über Aspekte der Sicherheit. Was aber fehle sei „ein Fernziel, eine Zukunftsvision“. Ein Staatsvertrag zwischen Deutschland und den hier lebenden Muslimen müsse her, fordert er. „Mit Christen und Juden gibt es so etwas schließlich auch.“ Nur so könnten die muslimischen Gläubigen hierzulande wirklich integriert werden.

Alles was nach Islam klingt, wird kritisch beäugt

Auf einem Tisch liegen Informationen über die jüngsten Projekte aus. Der Verein kämpft mit seinen bislang rund 40 Mitgliedern gegen Zwangsehen und will den interreligiösen Dialog fördern. Aktuell geplant ist eine Partnerschaft mit einer christlichen Gemeinde in der Türkei nahe der syrischen Grenze. „Dieses Projekt haben wir sogar im Auswärtigen Amt vorstellen dürfen“, sagt Salih. Fördergelder gab es bislang trotzdem nicht. Ein großes Problem für muslimische Vereine, klagt Salih. „Inssan“ wird ausschließlich über Spendengelder finanziert. „Es ist nicht nur schwer, sondern fast unmöglich, öffentliche Zuschüsse zu bekommen. Öffentliche Träger haben große Angst, dass sie die Falschen fördern könnten.“ Alles was nach Islam klingt, werde kritisch beäugt. „Dabei könnten wir vieles bewirken“, glaubt Salih.

Auch im Vorfeld der Islam-Konferenz sei ein gewisses Misstrauen zu beobachten gewesen. So seien die islamischen Verbände von der Vorbereitung der Konferenz weitgehend ausgeschlossen worden, moniert die Runde. Zudem sei das erste Treffen mit Innenminister Schäuble auf ganze zwei Stunden angesetzt, was nicht unbedingt eine hohe Priorität des Themas in der deutschen Politik zeige. Und dass im Anschluss an die erste Zusammenkunft ein Imbiss anberaumt wurde, sorgt in den „inssan“-Räumen in Kreuzberg für Kopfschütteln. Schließlich ist gerade Ramadan. Und da wird tagsüber gefastet.

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