Samira Marzouk – eine Frau lehrt den Koran

In Schulen, Krankenhäusern und Gefängnissen dürfen neuerdings eigens dafür ausgebildete Frauen predigen, auch in Moscheen Koranunterricht erteilen. Vorbeten in der Moschee oder gar als Imam auftreten, ist ihnen aber nicht erlaubt. Soweit wollte der aufgeschlossene und reformfreudige König Mohammed VI. nicht gehen. Dennoch wird über die Koranlehrerinnen in Marokko viel diskutiert.

Von Ute Brucker, ARD-Studio Madrid

Wenn der Muezzin zum Gebet ruft, geht Samira Marzouk an ihren Arbeitsplatz -eine kleine Moschee in Marokkos Hauptstadt Rabat. Allerdings darf sie nur durch die Hintertür rein, den speziellen Eingang für Frauen. Die Herren vorne im großen Gebetsraum bleiben unter sich. Der Imam hält seine Predigt und betet vor, so wie das schon immer war. Die Stimme des Vorbeters, so will es die Tradition, muss die eines Mannes sein.

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Mourchida – religiöse Führerin

Doch, wenn das Gebet vorbei ist, findet nebenan eine kleine Revolution statt. Samira ist eine der ersten Frauen Marokkos, die innerhalb der Moschee vor Frauen predigen darf. Berufsbezeichnung: Mourchida, was übersetzt soviel heißt wie „religiöse Führerin“.

Sie darf mit den Frauen auch Gebete sprechen und gibt Ratschläge in Lebensfragen. „Es ist toll, dass wir sie jetzt haben. Denn wir haben uns nie getraut den Imam irgendetwas zu fragen. Er hat uns das auch nicht erlaubt“, berichtet eine Frau in der Moschee, „ich bin wirklich glücklich, denn ich bin nie zur Schule gegangen. Nie hat mir jemand etwas über die Religion beigebracht. Die Mourchida erklärt uns jetzt die Gebete, sie liest mit uns den Koran und wir können ihr sogar Fragen in Familienangelegenheiten stellen.“

Glücklich schätzt sich auch Samira: „Ich bin stolz auf meinen Beruf. Ich kann den Menschen helfen und werde für meine Arbeit doppelt belohnt: Erstens von Gott im Himmel und zweitens bekomme ich hier auf Erden auch ein Gehalt dafür.“

„Gott hat als ersten Menschen Adam erschaffen“

Das andere Geschlecht aber ist skeptisch, was den Einzug der staatlich angestellten Mourchida ins Gotteshaus betrifft. Ein Mann vor der Moschee meint: „Gott hat als ersten Menschen Adam erschaffen, also das männliche Geschlecht. Und seit jeher waren schon immer alle Imame Männer. Es hat nie weibliche Imame gegeben. Da gibt’s überhaupt keine Diskussion.“ Ein anderer sagt: „Ein weiblicher Imam mit allen Rechten, das würde nicht gehen. Die Frauen bekommen ja jeden Monat ihre Regel, da sind sie unrein und dürfen schon deshalb in der Moschee nicht vorbeten. Was kann sie denn da für eine Vorbeterin sein?“

„Ich handle nach dem, was Gott mir erlaubt zu tun“

Szenenwechsel: Samira ist mit ihrer Schwester auf dem Markt. Im Ramadan wird bei Familie Marzouk eingekauft, was das Zeug hält. Der abendliche Tisch beim Fastenbrechen soll so üppig wie möglich sein. Mit knurrendem Magen kaufen sie tagsüber ein, was erst nach Sonnenuntergang auf den Tisch kommt. Auch der obligate Schafskopf darf nicht fehlen.

Was Samira von den Männern hält, die sie nach wie vor auf eine untergeordnete Rolle verpflichten wollen, drückt sie diplomatisch aus: „Ach, die sollen doch sagen, was sie wollen. Ich handle nach dem, was Gott mir erlaubt zu tun. Genauso wie das damals die Frauen unseres Propheten Mohammed getan haben. Sie haben an den Geschäften der Männer teilgenommen, sie haben die Männer unterrichtet, sie haben sogar in Kriegen mitgekämpft. Ich mache einfach nur dasselbe. Denn Gott hat mir dieses Recht gegeben. Und wer etwas anderes sagt, der spricht nicht im Namen des Islam.“

Den Koran nur leise singen

Erneuter Szenenwechsel – die Schule für Imame in Rabat: Wie im höchsten Gericht, sitzen oben die gelehrten Vorbeter, ihre Schüler rezitieren im Chor den Koran. Doch welch Wunder für die arabische Welt: Die Herren sind nicht allein im Raum. 60 junge Frauen sitzen hier, auch Samira hat so ihre Ausbildung gemacht. Beim Rezitieren allerdings sind die Damen kaum zu hören, Frauen dürfen nur leise singen, so will es eine, natürlich männliche Auslegung des Korans. Doch ansonsten absolvieren Männer und Frauen dieselbe Berufsausbildung. Dass sie sich trotzdem nicht als Imamin bezeichnen dürfen und in der Moschee nicht denselben Rang einnehmen werden wie ihre Mitstudenten, nehmen sie – noch – als gottgegeben hin.

Eine Studentin erklärt: „Der Islam, den wir hier in Marokko praktizieren, folgt der malekitischen Lehre des Korans. Und in dieser Lehre ist es einfach nicht erlaubt, dass die Frau in der Moschee vor der gesamten Gemeinde als Vorbeterin steht.“

Leere Wand statt goldener Bildhintergrund

Samira und die anderen Mourchidates aber sind trotzdem Pionierinnen. Ziemlich nervös nimmt sie im Fernsehstudio Platz zu einer Probe für das Moschee-Fernsehen. Samira spricht über die religiöse Bedeutung des Fastenmonats Ramadan. Dass man sie als Frau vor eine leere Wand gesetzt hat, merkt sie in der Aufregung gar nicht, uns erklärt man, vor den goldenen Bildhintergrund auf der anderen Seite dürften sich eben nur männliche Prediger setzen.

Dass Samira überhaupt so weit gekommen ist, hat sie auch der Rechtsprofessorin Raja Naji zu verdanken. Die religiöse Gelehrte durfte im Ramadan vor zwei Jahren als erste Frau in der Geschichte Marokkos vor König Mohammed VI. eine religiöse Ansprache halten.

Der Islam aus Sicht der Professorin

Der König will die Rolle der Frauen stärken. Und die sanfte, kluge Professorin erklärt den Männern, warum das nicht im Widerspruch zum Islam steht: „In der Anfangszeit waren die Frauen im Islam sehr viel mehr eingebunden als heute. Erst ein paar Jahrhunderte später kam es durch äußere Umstände dazu, dass sich das Leben der Frauen veränderte. Es gab politische Probleme, Frauen wurden als Sklaven genommen oder entführt. Um sie zu schützen, verbannte man sie ins Haus und schaltete sie aus dem gesellschaftlichen Leben aus.“

Die Muslimin auf ihre häusliche Rolle beschränkt, ist nach Ansicht von Raja Naji demnach nur eine geschichtliche Entwicklung und keine Regel des Korans. Samiras Mann übrigens ist stolz darauf, dass seine Gattin eine religiöse Führerin ist. „Ob wir Frauen irgendwann auch mal in der Moschee vor Männern vorbeten dürfen? Ich bezweifle das und ich bin auch nicht kompetent genug, diese Frage zu beantworten“, sagt Samira, „aber wer weiß, vielleicht finden die Gelehrten mal etwas heraus, das unsere Regeln verändert.“

So lange muss sich Samira aber noch mit dem begnügen, was sie jetzt schon darf: zuhause und für die Frauen durch das Gebet führen.

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