„Das ist ein Riesendilemma“

Die Bundesagentur für Arbeit hat eine Bilanz ihrer Berufsberatungen für 2005 / 2006 vorgelegt. Sie fällt dramatisch aus: Noch nie sind seit der deutschen Einheit 1990 so viele Jugendliche ohne Ausbildungsplatz geblieben wie in diesem Jahr. Bei den Arbeitsagenturen waren zum gesetzlichen Stichtag am 30. September noch 49.500 Bewerber als unvermittelt gemeldet. Das waren 9000 mehr als im Vorjahr. Gleichwohl meldeten nach BA-Angaben die Kammern mehr abgeschlossene Ausbildungsverträge als im Vorjahr. Momentan sind 15.400 freie Lehrstellen gemeldet.

Mit welchen Problemen die Vermittler der Bundesagentur kämpfen müssen, schildert Joachim Ulrich vom Bundesinstitut für Berufsbildung. „Der Ausbildungspakt allein kann die Probleme nicht lösen“, so der Arbeitsmarktforscher im Gespräch mit tagesschau.de. Insgesamt fehlten über 100.000 Lehrstellen und die Bewerber seien im Durchschnitt schon 19 Jahre alt.

tagesschau.de: Sind Schulabgänger heute dümmer als vor 30 Jahren?

Joachim Ulrich: Nein, im Gegenteil. Die Bundesagentur für Arbeit hat in Untersuchungen festgestellt, dass der durchschnittliche Intelligenzquotient eher gestiegen ist. Auszubildende müssten neue Sachverhalte also eigentlich rascher und besser aufnehmen, als frühere Generationen. Dadurch werden aber Mängel in anderen Bereichen nicht automatisch ausgeglichen. Ausbilder klagen oft darüber, dass Bewerber beispielsweise die Grundrechenarten nicht mehr richtig beherrschen.

Diese Klagen über eine mangelnde Ausbildungsreife sind sehr ernst zu nehmen. Aber paradoxerweise trägt auch das gesunkene Angebot zum schlechten Image der Bewerber bei: Weil zahlreiche Ausbildungsplätze verloren gegangen sind, schreiben schlechte Schüler inzwischen bis zu hundert Bewerbungen. Bei den Betrieben entsteht dadurch der Eindruck, dass sich zwar immer mehr Jugendliche bewerben, die Qualität der Bewerber aber im Schnitt sinkt.

tagesschau.de: Wie viele Ausbildungsplätze sind denn weggefallen?

Ulrich: Im Jahr 1992 wurden noch etwa 720.000 Ausbildungsplätze angeboten. Im letzten Jahr waren es nur noch rund 560.000. Zugleich haben wir einen massiven Anstieg bei den Schulabgängern – 760.000 im Jahr 1992 und 950.000 im Jahr 2005. Da haben sich also riesige Scheren aufgetan.

tagesschau.de: Und in welchen Bereichen sind besonders viele Lehrstellen verschwunden?

Ulrich: Besonders viele Arbeitsplätze und damit auch Lehrstellen sind im Handwerkssektor verlorengegangen. Das ist besonders tragisch, denn dieser Bereich ist traditionell auch ein Auffangbecken für Jugendliche, die nicht die besten Schüler waren. Wenn jemand Fliesenleger werden will, muss der nicht unbedingt ein Rechtschreib-Ass sein. Jetzt müssen sich Hauptschüler, die sich früher auf Handwerkslehrstellen beworben haben und dort fast ausschließlich mit anderen Hauptschülern konkurrierten, verstärkt im Dienstleistungssektor umschauen. Da bewerben sich aber auch viele Realschüler oder Gymnasiasten.

tagesschau.de: Ist der Ausbildungspakt der richtige Weg, um diesem Problem zu begegnen?

Ulrich: Er ist sicherlich hilfreich. Doch darf man von solchen Programmen nicht erwarten, dass die Auswirkungen der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung auf das Ausbildungsplatzangebot außer Kraft setzen. Das Lehrlingssystem in Deutschland ist eng an den Personalbedarf der Betriebe gekoppelt. Und wenn die schließen müssen, dann gehen auch Ausbildungsplätze verloren. Solche Programme helfen lediglich, diese Entwicklung zu mildern – einen wirklichen Durchbruch kann man damit nicht erzielen. Im letzten Jahr hatten wir trotz des Ausbildungspaktes den niedrigsten Stand an neu abgeschlossenen Ausbildungsverträgen seit der Wiedervereinigung. In diesem Jahr kam es Gott sei Dank zu einer Trendwende. Das wird auch zu einer Zunahme bei den Lehrverträgen führen. Gleichwohl bleibt die Lage ernst.

tagesschau.de: Die Bundesregierung sprach im Vorfeld des heutigen Termins von rund 30.000 fehlenden Lehrstellen, der DGB von 100.000. Wie erklären sich diese unterschiedlichen Zahlen?

Ulrich: Stellen Sie sich vor, überall liegen Kranke und jetzt geht es darum, zunächst die absoluten Notfälle zu versorgen. Darauf bezieht sich die Zahl von 30.000. Alle anderen, die keine Lehrstelle haben, aber alternativ versorgt sind, werden da nicht mitgerechnet. Die haben intensiv gesucht, nichts gefunden und dann sagt vielleicht der Vater: ‚Jung‘, du stehst mir nicht auf der Straße rum, jetzt machst du irgendwas‘. Die gehen in eine Warteschleife und besuchen eine Berufsfachschule oder machen irgendetwas anderes. Und das sind weit über 100.000.

tagesschau.de: Steigen durch die Absolvierung von Warteschleifen denn die Chancen auf dem Lehrstellenmarkt?

Ulrich: Es ist ganz wichtig, die erfolglosen Bewerber nicht allein zu lassen, und auch die Qualifikation verbessert sich sicherlich in den meisten Fällen. Doch zugleich besteht die Gefahr für diese Jugendlichen, als „Altbewerber“ stigmatisiert zu werden. Die Jugendlichen, die erfolglos einen Ausbildungsplatz suchen, sind meist Realschüler oder Hauptschüler, die nicht die allerbesten Noten haben. Wenn sich diese Generation dann zum zweiten oder zum dritten Mal bewirbt – und zwar zusammen mit frischen Schulabgängern, die gute Noten haben – dann sagen viele Betriebe: Warum war denn der in einer berufsvorbereitenden Maßnahme?

tagesschau.de: Und die Bewerber werden durch die Warteschleifen ja auch immer älter…

Ulrich: Richtig, das kommt hinzu. Und mit dem steigenden Alter wachsen zugleich die Ansprüche der Betriebe an das Verhalten der Jugendlichen. Wenn da so ein pubertierender Jugendlicher mit 15 Jahren kommt, da heißt es vielleicht noch: ‚Der ist ja noch sehr jung, den kann ich noch formen.‘ Aber wenn der Bewerber 19 ist, dann funktioniert das Kindchenschema nicht mehr. Und das ist ein Riesendilemma. In Deutschland liegt das durchschnittliche Eintrittsalter in das duale Ausbildungssystem inzwischen bei über 19 Jahren. Irre. Das ist wirklich alt.

Das Interview führte Sarah Strohschein, tagesschau.de

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