Wie Maranello Abschied von Schumacher nimmt

Nach einem Ferrari-Sieg läuten in Maranello, dem Sitz des Autobauers, die Kirchenglocken. Allein 72 Mal durfte Pater Don Alberto auf diese Weise einen Sieg von Michael Schumacher verkünden. Der fährt heute sein letztes Rennen – und das ganze Dorf will zum 73. Mal für ihn die Glocken läuten hören.

Von Jörg Seisselberg, ARD-Hörfunkstudio Rom

Am Sonntag möchte Don Alberto noch einmal die Glocken von Maranello läuten – wie damals, als alles anfing: „Ich habe hier angefangen am selben Tag als die Ära Schumacher begann. Plötzlich kamen viele Leute zur Kirche, klopften an der Tür und riefen: Auf, auf Pater, Du musst die Glocken läuten! Aber es ist noch gar nicht Zeit für die Messe, habe ich gesagt. Warum dann die Glocken läuten müssen? Na, weil Ferrari gewonnen hat, bekam ich zur Antwort. Das habe mein Vorgänger auch immer gemacht. Und seitdem haben wir viele Male die Glocken geläutet.“

Genau 72 Mal verkündete der grauhaarige Don Alberto mit Glockengeläut die frohe Botschaft eines Schumacher-Sieges. 72 Erfolge in elf Jahren haben das Ferrari-Dorf Maranello zum Schuma­cher-Dorf gemacht.

„Grazie Schumacher“

Die junge Bürger­meisterin Lucia Bursi ist seit Tagen dabei, eine große Abschieds­party zu organisieren. Unter dem Motto „Grazie Schumacher“ – Dan­ke Schumacher – wollen Tausende Ferraristi am Sonntag das letzte Rennen gemeinsam auf dem Rathausplatz gucken: „Diese über zehn Jahre haben Ferrari, Maranello und Schumacher zu einer gemeinsamen Sache werden lassen“, so die Bürgermeisterin. „Es waren die erfolgreichsten Jahre, die Ferrari je erlebt hat. Im Herzen der Menschen von Maranello, denke ich, wird Schumacher stets einen einzigartigen Platz behalten.“

Schumacher soll Ehrenbürger werden

Eine Straße wollen sie in Maranello irgendwann nach Schumacher benennen und den Deutschen noch in diesem Jahr zum Ehrenbürger machen – eine Auszeichnung, die es in der fast 80-jährigen Geschichte Ferraris noch für keinen Piloten gegeben hat. Schumacher habe es verdient, findet Umberto Zanasi vom Fer­rari-Fanclub in Maranello: „In der Geschichte ist er fast einzigartig. Er ist ein außergewöhnlicher Pilot: Ernsthaft, er kritisiert keinen, beschwert sich niemals. Auch wenn ich es als Fan nicht hoffe: Aber es wird für Ferrari schwer, in Zukunft einen wie ihn zu finden.“

„Ich will es Alonso ja nicht wünschen, aber …“

Zanasi ist in Sichtweite zum Ferrari-Werk geboren. Wie für viele in Mara­nel­lo, sagt er, seien seine ersten Worte Mama, Papa und Ferrari gewesen. Für Schuma­chers letztes Rennen in Brasilien glauben Fans wie er noch an ein Wunder – sprich daran, dass Alonso den praktisch schon sicheren WM-Titel noch verlieren könnte: „Das Rennen ist erst dann gewonnen, wenn die Zielflagge fällt. Im letzten Rennen haben wir mit dem Motorschaden unglaubliches Pech gehabt. Vielleicht passiert diesmal Alonso ja ähnliches. Ich will es ihm nicht wünschen – aber wenn es ihm passieren sollte… Wir haben schon gelitten, dann müssten eben die anderen leiden.“

„Bei Erfolgen Schumacher klar die Nummer eins“

Silvano Bertaccini sitzt seit über 30 Jahren im Ferrari-Fanclub nur wenige Schritte vom Eingang zur Teststrecke Fiorano entfernt. Mit dem Heulen der Ferrari-Motoren ist er aufgewachsen, zwischen den Beinen der Ferrari-Piloten und -Mechaniker hat er krabbeln gelernt. „Praktisch seit ich Kind war, bin ich Ferrari-Fan. Vielleicht nicht ab der Geburt, aber bereits kurz danach“, erzählt Bertaccini.

„Als ich noch nicht laufen konnte, haben mich meine Eltern immer mitgenommen in die Trattoria neben dem Werk, wo die Piloten und das Team gegessen haben. Damals, vor 50 Jahren, war der Kontakt zwi­schen den Menschen in Maranello und den Fahrern noch viel enger. Ich habe seitdem viele bei Ferrari erlebt, Gilles Villeneuve zum Beispiel ist unvergessen – aber was die Erfolge anbelangt, ist Schumacher für mich klar die Nummer eins.“

„Wir hoffen, dass wir ihn nicht völlig verlieren“

Auch Silvano Bertacchini wird am Sonntag mit auf dem Rathausplatz stehen und Schumacher ein letztes Mal die Daumen drücken. Egal wie es ausgehen wird, am Ende, glaubt Bürgermeisterin Lucia Bursi, werden viele feuchte Augen haben: „Es wird vielen leidtun, dass seine Ära zu Ende geht, weil er als Champion bewundert und geliebt wird. Die Hoffnung, die ich von vielen hier in Maranello höre, ist die, dass Schumacher noch irgendeine Rolle bei Ferrari behält – also in irgendeiner Weise weiter im Team mitarbeitet, auch wenn er leider nicht mehr am Steuer sitzt. Wir hoffen einfach, dass wir Schumacher nicht völlig verlieren, sondern ihn noch in Maranello behalten.“

Don Alberto hofft auf würdiges Ende

Nicht nur Schumacher wird aufhören, auch für einen anderen in Maranello geht am Sonntag die Zeit zu Ende: Don Alberto, der für den deutschen Rekord­weltmeister nach jedem Sieg die Glocken läutete, steht kurz vor der Pension: „Ich werde bald 75 Jahre alt. Und unsere Vorschriften sagen, dass wir mit 75 Jahren auf unser Amt verzichten müssen. Also während Schumacher seinen Formel-1-Führerschein abgibt, übergebe ich meinem Bischof die Mitteilung über das Ende meines Aufenthalts hier.“

Don Alberto hofft auf ein würdiges Ende für ihn selbst und für Schumacher – darauf, dass er nach dem Rennen in Brasilien noch ein letztes Mal für den Deutschen die Glocken läuten kann.

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