Zweifel an der israelischen Version mehren sich

Zunächst hatte Israel eine völlig andere Version des Zwischenfalls vor der libanesischen Küste verbreitet als die deutsche Seite. Inzwischen rückt die israelische Regierung langsam von ihrer Darstellung ab. Auf diplomatischer Ebene in Deutschland haben die Ereignisse offenbar für großen Wirbel gesorgt.

Von Clemens Verenkotte, ARD-Hörfunkstudio Tel Aviv

Die israelische Regierung rückt langsam von ihrer Darstellung des Zwischenfalls vor der libanesischen Küste ab. „Wir wollen nicht, dass sich so etwas noch mal wiederholt,“ sagte der Sprecher des israelischen Außenministeriums Mark Regev dem ARD-Studio Tel Aviv am Abend.

Er bestätigte, dass an dem Zwischenfall nicht, wie seit gestern Abend verbreitet, zwei israelische Kampfflugzeuge beteiligt gewesen seien, sondern sechs. Auch sei nicht ein Hubschrauber eines deutschen Marine-Versorgungsschiff unmittelbar vor der libanesischen Küste von den F-16-Jets überflogen worden, wie zunächst behauptet, sondern das Flottendienstboot „Alster“ der Bundesmarine. Das Aufklärungsschiff befand sich rund 100 Kilometer von der Küste entfernt in internationalem Gewässer. Das mit hochmodernen Ortungsgeräten ausgerüstete Schiff wird in Krisengebieten zur „strategischen Informationsgewinnung“ eingesetzt und verfügt weder über Bordwaffen noch über Hubschrauber.

Nachweisbar zwei ungezielte Schüsse abgefeuert

Nach Informationen, die von deutschen und israelischen Regierungsstellen bestätigt worden sind, flogen am Dienstagmorgen sechs F-16-Kampfflugzeuge der israelischen Luftwaffe in niedriger Höhe über das Schiff der Bundesmarine „Alster“. Dabei seien nachweisbar zwei ungezielte Schüsse abgefeuert worden, bestätigten deutsche Sicherheitskreise. „Wir haben nicht auf das Schiff geschossen, und wir sind froh, dass niemand zu Schaden gekommen ist,“ sagte Israels Außenamtssprecher Regev der ARD. Die deutsche Seite kann, so ist zu hören, den Zwischenfall offenbar dokumentieren.

Auf diplomatischer Ebene haben die Ereignisse vom vergangenen Dienstag für weitaus größeren Wirbel gesorgt, als bislang nach außen gedrungen ist. Die israelische Regierung bemüht sich gegenwärtig, die offenbar große Verärgerung der Bundesregierung über den Zwischenfall auszuräumen. Vor allem die Tatsache, dass ein weit in internationalem Gewässer operierenden Aufklärungsschiff der Bundesmarine Ziel dieses Überflugs gewesen ist, und nicht küstennah eingesetzte deutsche Unifil-Schiffe, habe für erhebliche Verstimmung gesorgt.

Israel wird eine neue Version präsentieren müssen

Seit der Erklärung von Verteidigungsminister Amir Perez am Mittwochabend, wonach nicht auf ein deutsches Schiff geschossen worden sei, hat die israelische Regierung keine weitere offizielle Erklärung in dieser Sache abgegeben. Es sei klar, so wird in Berlin vermutet, dass Israel eine andere Darstellung des Zwischenfalls öffentlich präsentieren müsse – eine Darstellung, die näher an der Realität liege.

Perez kündigte unterdessen gegenüber dem EU-Chefdiplomaten Solana am Abend an, die Aufklärungsflüge der israelischen Luftwaffe über dem Libanon und vor dessen Küste fortzusetzen.

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