Der Verblichene im Ohrring

Passend zur dunklen Jahreszeit kommt ein neuer Trend aus der Hauptstadt der Morbidität: Diamantenbestattung ist in Wien zurzeit der letzte Schrei. „Sie können den nahen Angehörigen im Ohrring tragen, ohne dass das Außenstehende wissen“ schwärmt ein Bestattungsunternehmer. „Ich finde, das ist eine tolle Sache.“

Von Andrea Mühlberger, ARD-Hörfunkstudio Wien

Über die Wiener und ihr inniges Verhältnis zum Tod ist viel gesagt und gesungen wurden. Die besondere Inszenierung des Begräbnisses mit allem Pomp, die „Schöne Leich'“, war für viele Wiener früherer Jahrzehnte ein Höhepunkt. Nicht selten nahm die halbe Stadt Anteil an den Leichenzügen, kilometerlang zogen sich die Prozessionen von der Innenstadt bis zum Zentralfriedhof. Wer große Fenster hatte, vermietete sie an Schaulustige.

Im Museum der Bestattung Wien findet man die Requisiten des Kults: Ein Rettungswecker für Scheintote verkörpert die Urangst des Wieners, lebendig begraben zu werden. Der recyclebare Klappsarg aus josephinischen Zeiten – eine Erfindung ganz im Geiste der Rationalität.

Diamant aus der Asche eines nahen Verwandten

Und was ist vom früheren Glanz geblieben? Ein ganz irdischer: Johann Krug von der Bestattung Wien ist seit einigen Monaten im Diamantengeschäft. „Viele Leute haben den alten Familienschmuck noch von ihrer Urgoßmutter. Umso wertvoller ist eben dieser Brilliant“, sagt er und deutet auf den vor ihm liegenden Stein. „Das ist nicht irgendeiner, sondern einer aus der Asche eines mir nahestehenden Menschen.“

Eine Schweizer Firma macht’s möglich: die Umwandlung der Asche des Verstorbenen in Edelsteine. „Diamanten-Begräbnis“ heißt diese neue Form der Bestattung. Und so wie man bei Särgen zwischen „Altwien“ oder „Erlkönig“ wählen kann, gibt es auch bei der Diamant-Bestattung verschiedene Modelle: „Brilliant, Smaragd, oval oder in Herzform – es gibt verschiedene Schliffarten“, beschreibt Johann Krug. „Man kann sich sogar eine Gravur reinmachen lassen, die mit dem bloßen Auge nicht sichtbar ist. Sie können den nahen Anhörigen im Ohrring oder als Ring tragen, ohne dass das Außenstehende wissen. Ich finde, dass das eine tolle Sache ist.“

„Der Diamant muss wachsen“

Als Hinterbliebener braucht man allerdings etwas Geduld: Ungefähr drei Monate dauert es, bis sich die Asche des Verstorbenen in einen Diamant verwandelt hat: „Das ist keine Frage des Gewichts der Asche, sondern eine Frage, wie lange man die Asche bearbeitet“, erklärt Bestattungsunternehmer Krug. „Das ist nicht wie bei einer Kaffeemaschine: Man gibt die Asche rein, drückt auf einen Hebel und unten fällt der Diamant raus. Er muss richtig wachsen. Und je länger das dauert, um so mehr Karat hat er.“

Ein Stein für jeden Angehörigen

Und um so teurer wird dann auch das Begräbnis – von rund 4500 bis 13.000 Euro. Dafür garantiert Krug aber, dass die Diamanten, die er anbietet, alle garantiert aus der Asche des geliebten Hinterbliebenen sind. Die Asche eines Menschen sei wie ein chemischer Fingerabdruck – heißt es. Manche Erinnerungsdiamanten funkeln weiß, andere changieren ins Bläuliche. Und wer möchte, kann die ganze Verwandtschaft mit Juwelen beschenken: „Man kann aus der Asche mehrere Diamanten formen lassen“, sagt Krug, „so dass jeder der engsten Angehörigen einen erhält. Bisher ist es aber eher üblich, dass nur ein Diamant geformt wird und die restliche Asche wieder ins Familiengrab kommt.“

Das kostet natürlich extra. Ein echter Renner sind die Erinnerungs-Diamanten bisher noch nicht. Unter anderem liegt das daran, dass 80 Prozent der Wiener lieber unter der Erde ihrer morbiden Stadt verwesen wollen, als sich verbrennen zu lassen.

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