„Guantanamo-General“ Craddock übernimmt die Nato

Der bisherige Chef des umstrittenen US-Gefangenenlager Guantánamo auf Kuba ist neuer Nato-Oberbefehlshaber. US-General Craddock wurde am Bündnissitz im südbelgischen Mons eingeschworen. Er löste den US-Kommandeur Jones ab.

Von Michael Becker, MDR-Hörfunkkorrespondent Brüssel

Bantz John Craddock übernimmt die Nato zu einem kritischen Zeitpunkt. In Afghanistan steht die Nato zunehmend mit dem Rücken zur Wand – im Süden tobt der Kampf gegen die Taliban, fast täglich gibt es Selbstmordanschläge. Im Nato-Hauptquartier hat man den Afghanistan-Einsatz zum Lackmus-Test für die Allianz erklärt – scheitert sie in Afghanistan, dann hat sie den Kampf gegen den Terror verloren.

Der scheidende Oberbefehlshaber US-General James Jones ist überzeugt davon, dass sein Nachfolger der richtige Mann ist für den Posten: General Craddock werde „neue Energie bringen, und einige großartige Dinge tun. Ich beneide ihn darum, dass er zu diesem wichtigen Zeitpunkt in die Allianz kommt“, meint Jones.

Europäer skeptisch gegenüber „Guantanamo-General“

Nicht überall denkt man so positiv über den neuen Spitzen-Militär bei der Nato. Craddock kommt mit dem Etikett „Guantanamo-General“ zur Nato – ein Ausdruck, der in den Ohren der Europäer alles andere als eine Empfehlung ist.

Tatsächlich war der 57-jährige Craddock zuletzt Oberkommandierender des US-Südkommandos mit Sitz in Miami, Florida. Als solcher hatte Craddock die Oberaufsicht über das umstrittene US-Gefangenenlager in Guantanamo auf Kuba. In dieser Position erwies er sich immer wieder als treuer Erfüllungsgehilfe des amerikanischen Verteidigungsministers Donald Rumsfeld. Kein Wunder: Von 2002 bis 2004 arbeitete Craddock als enger militärischer Berater von Rumsfeld im Pentagon.

„Niemand ist unmenschlich behandelt worden“

„Ich kann Ihnen versichern, dass wir uns bei den Verhören in Guantanamo immer an die Vorschriften gehalten haben – niemand ist unmenschlich oder demütigend behandelt worden in Guantanamo“, erklärte Craddock bei einem Auftritt im Verteidigungsausschuss des US-Repräsentantenhauses.

Im vergangenen Jahr verhinderte er, dass ein ehemaliger Lagerkommandant abgemahnt wurde dafür, dass ein mutmaßlicher Attentäter des 11. September bei Verhören in Guantanamo misshandelt worden war. Die Verhöre hätten „solide Erkenntnisse“ gebracht, rechtfertigte Craddock die Methoden. Dem Mann war Damenunterwäsche über den Kopf gezogen, und er war mit einer Hundeleine an den Füßen herumgeführt worden. Über die Zwangsernährung von Häftlingen machte Craddock sogar öffentlich Witze. Als drei Gefangene in diesem Jahr in Guantanamo Selbstmord begingen, sah er sich genötigt, eine Untersuchung einzuleiten.

General Jones, Craddocks Vorgänger bei der Nato, gilt als diplomatisch und weltoffen. Dem Neuen werden vor allem die Europäer mit einigem Misstrauen begegnen.

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