Idomeneo? Aber sicher!

Vor drei Monaten wurde Mozarts Idomeneo wegen einer Terrorwarnung vom Spielplan der Deutschen Oper in Berlin genommen. In einer Szene ist ein geköpfter Mohammed zu sehen. Unter hohen Sicherheitsvorkehrungen wurde die Inszenierung nun wieder gezeigt. Dabei gab es keine Zwischenfälle.

Von Ulrich Bentele, tagesschau.de

Meinungsfreiheit funktioniert an diesem Abend an der Deutschen Oper in Berlin. Auf der Bühne und im Saal. Es ist 22:50 Uhr als der ausufernde Streit um Mozarts Idomeneo in einem lautstarken Minidialog im Zuschauerbereich kulminiert. Es passiert in der Schlussszene, wegen der ein Großteil der rund 1800 Zuschauer überhaupt nur gekommen war. Jetzt recken sich die Köpfe. „Aufhören!“, tönt eine Stimme vom linken Parkett als Idomeneo mit blutverschmierten Händen die geköpften Häupter von Jesus, Buddha, Poseidon und Mohammed präsentiert. „Gut gemacht!“ feuert daraufhin jemand von Rechts den auf der Bühne mit Götterköpfen hantierenden Idomeneo an. Es folgt ein lautes „Buh“ von links und als Echo ein frenetisches „Bravo“ von rechts. Dann der Vorhang. Braver Schluss-Applaus. Das war’s. Opernalltag.

Ja zur Kunst, Nein zur Intoleranz

Die Wiederaufnahme der Mozart-Oper nach der überstürzten Absetzung vor drei Monaten ist unspektakulär über die Bühne gegangen. Friedlich und kultiviert. Das Bild Mohammeds hatte Ende September die Intendantin Kirsten Harms auf Anraten der Polizei veranlasst, die Produktion abzusetzen. Das Landeskriminalamt sah wegen der drastischen Darstellung Mohammeds die Sicherheit gefährdet und wollte islamistische Anschläge nicht ausschließen.

Meinungsfreiheit funktioniert am Abend des Berliner Idomeneo-Comebacks auch rund um die von der Polizei wachsam umhegte Oper: auf der Straße, im Foyer, an der Garderobe. Der Innenminister ist da, der Regierende Bürgermeister, Islam-Funktionäre und all die anderen, die seit der Absetzung der Oper den gesellschaftspolitischen und feuilletonistischen Diskurs über Kunstfreiheit und religiöse Toleranz vielseitig beheizt haben. Alle sagen sie heute Ja zur Kunst und Nein zur Intoleranz und dass es gut sei, die Oper wieder zu spielen. Es geht geordnet zu, und brav warten die Menschen vor den Metalldedektoren der Sicherheitsschleuse. Wolfgang Schäuble sagt, er freue sich vor allem auf die Musik. Das Mozartjahr geht bald zu Ende.

Ein Demonstrant auf weiter Flur

Und dann ist da noch Horst Stutz. Er ist Demonstrant heute. Opposition. Ganz allein auf weiter Flur. „Kunstfreiheit oder Jesus Christus!“ steht auf seinem Transparent. Horst Stutz hat heute seine „famous 15 minutes“. Das liegt daran, dass so viele Journalisten da sind. Den Meinungsfängern kommt Horst Stutz gut gelegen. Das gute Dutzend Fernsehteams hat sonst nicht viel zu tun. Kollegen aus Spanien sind da, aus der Türkei, sogar aus Schweden. Bei Stutz wird Schlange gestanden. Begierig saugen viele Mikrofone dessen Worte ein. „Jesus Christus wird heute zum zweiten Mal hingerichtet“, empört sich Stutz für jedes Mikro aufs neue. In seinen Mundwinkeln sammelt sich weißer Schaum. Die Reporter suchen vergeblich weitere kritische Stimmen. Islamische Demonstranten sind keine gekommen. Der Pressesprecher der Polizei sagt, was alle sehen: „Ruhig hier, keine Vorkommnisse.“

Klaus Wowereit hat da seine O-Ton-Pflichten schon hinter sich und frotzelt mit einer Schulklasse: „Na seid ihr heute freiwillig hier?“ Das Wörtchen „ihr“ betont der Regierende Bürgermeister. Berlins CDU-Chef Friedbert Pflüger driftet derweil ins überparteilich Wesentliche ab: „Ich bewundere Buddha, ich bewundere Jesus, und ich bewundere Mohammed“, diktiert er in die Mikrofone. „Letzlich schwer erträglich“ sei deshalb die Interpretation von Regisseur Hans Neuenfels, „eine Zumutung“ dessen Idee, Götterköpfe rollen zu lassen. „Denn in Wirklichkeit haben wir einen gnädigen Gott“, resümiert Pflüger und schreitet sanft lächelnd am provisorischen 3sat-Studio vorbei, wo Ähnliches debattiert wird.

Mozart bestimmt den Takt

Die Oper beginnt aufgrund der verstärkten Sicherheitskontrollen eine halbe Stunde zu spät. Der Saal ist gut besucht, jedoch nicht ausverkauft. Viele leere Sessel werden mit Pressevertretern gefüllt. Es folgt ein Diskutierstopp – die Pause ausgenommen – von knapp drei Stunden. Mozart bestimmt jetzt den Takt. Es geht in die Antike, nach Kreta, es geht um Menschen und Götter. Um Krieg und Frieden. Schicksal und Gnade. Die solide, bisweilen etwas spröde wirkende Inszenierung wird wohlwollend aufgenommen. Der Zwischenapplaus lässt aber immer dann merklich nach, wenn Mohammed (neben Jesus, Buddha und Poseidon nur sporadischer Statist) auf der Bühne zu sehen ist. Doch die Zuschauer ertragen die Umsetzung des Regisseurs, tolerieren sie, auch wenn sie vielen nicht recht zu behagen scheint. Der Kunst wegen. Bis zum Schluss.

Was zeigt, dass sich die die Welle der Empörung, die Idomeneo in den vergangenen Monaten ausgelöst hat, am Abend der Wiederaufnahme bei genauerem Hinsehen – an dem konkreten Anlass gemessen – als Sturm im Wasserglas entpuppte. Über Grenzen des Geschmack wurde auch nach der Aufführung leidenschaftlich gestritten, um den Kern der Kunst – ihre Freiheit – jedoch so gut wie nicht. Friedbert Pflüger brachte es beim Verlassen der Oper auf den Punkt: „Dämlicher Abschluss, banales Finale“. Was bleibt, ist dabei die pluralistisch gesinnte Genugtuung, dass Kunst eben auch genau das sein darf.

Original, Google Cache, archive.org

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter tagesschau.de abgelegt und mit verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.