Straßensperren halten Plünderer nicht ab

Vor Südenglands Küste hat die Polizei Straßensperren errichtet, um weitere Container-Plünderungen aus dem havarierten Schiff „MCS Napoli“ zu verhindern – mit wenig Erfolg. Eine Zuschauerin aus Schweden meldete sich bei der BBC, die live im TV mitverfolgen konnte, wie Plünderer Fotoalben aus ihrem Umzugs-Container mitnahmen.

Von Ralf Borchard, BR-Hörfunkstudio London

Es waren gespenstische Szenen, vergangene Nacht am Strand von Branscombe an der englischen Südküste. Kinder wärmten sich an Lagerfeuern, während ihre Eltern fieberhaft und von der Polizei unbehelligt Container durchstöberten, auch noch weit nach Mitternacht. Tausende waren im Laufe des gestrigen Tage an den eigentlich wunderschönen und naturbelassenen Strandabschnitt in der Grafschaft Devon gekommen, getrieben von „purer Gier“, wie es Robert Middleton von der englischen Küstenwache ausdrückt: „Was da passiert ist, war ein fürchterlicher Schock für uns alle.“

Polizei völlig überfordert

Küstenwache, lokale Behörden, Polizei – alle waren offenbar völlig überfordert. Polizei-Seargent Allan Mobbs schilderte die Lage am Vormittag so: „Wir haben die Straßen zum Dorf Branscombe abgesperrt, die Zufahrt zum Strand ist also gesperrt, aber die Leute klettern weiter über die Klippen, um zu Fuß herzukommen, wir sind derzeit nicht in der Lage, den Strand wirklich abzusperren.“ Offenbar waren zunächst nur 30 Polizisten im Einsatz, machtlos gegen die Überzahl der Plünderer, am Mittag wurden an den angespülten Containern am Strand immer noch rund 200 Plünderer gezählt. Bei einer eilig anberaumten Pressekonferenz kündigten die Verantwortlichen am Mittag an, jetzt werde durchgegriffen, notfalls mit Festnahmen. „Jeder nicht Autorisierte, der sich noch am Strand ist, wird abgeführt,“ so Robert Middleton von der Küstenwache.

Zahlreiche BMW-Motorräder geklaut

Gleichzeitig begonnen die Behörden, Formulare an die Bevölkerung zu verteilen. Rechtlich gesehen muss jeder Finder das mitgenommene Strandgut innerhalb von vier Wochen melden. Nur wenn der Eigentümer ausdrücklich zustimmt oder sich innerhalb eines Jahres nicht meldet, darf das Strandgut behalten werden. Von Babywindeln über Weinfässer bis zu nagelneuen BMW-Motorrädern, alles mögliche war aus den angeschwemmten Containern mitgenommen worden. Die Firmenzentrale von BMW gab inzwischen bekannt, die havarierte MSC Napoli habe 77 Container mit 39 Motorrädern, Ersatzteilen und Werkzeugen für das BMW-Werk in Südafrika an Bord gehabt, der Wert liege im einstelligen Millionenbereich. Die Ware sei aber umfassend versichert.

Aus Schweden meldete sich telefonisch eine aufgebrachte Zuschauerin beim BBC-Fernsehen, die live am Bildschirm mitverfolgen musste, wie Plünderer persönliche Dinge bis hin zu Fotoalben aus ihrem Richtung Südafrika verschickten Umzugs-Container mitnahmen.

An Bord des 62.000 Tonnen-Frachters selbst versuchen die Behörden weiterhin, das Schweröl so zu erhitzen, das es abgepumpt werden kann. Es könne bis zu einer Woche dauern, bis die Gefahr für die Umwelt gebannt sei, sagt Robert Middleton von der Küstenwache. Bis die gesamten Aufräumarbeiten beendet seien, einschließlich des Abladens der gut 2000 am Schiff verbliebenen Container, vergehe voraussichtlich ein Jahr.

Original, Google Cache, archive.org

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