Koenigs: Wir haben den Taliban das Feld überlassen

Trotz großer Gefahren führt nach Ansicht des UN-Sonderbeauftragten für Afghanistan, Koenigs, kein Weg an der Isaf-Offensive im Süden des Landes vorbei. Doch das Zeitfenster schließe sich, sagt er im Interview mit der ARD, und erläutert, was beim Wiederaufbau versäumt wurde.

Von Christoph Heinzle, ARD-Hörfunkkorrespondent Südasien

Tom Koenigs lässt keinen Zweifel. Als UN-Sonderbeauftragter für Afghanistan ist der Deutsche wichtigster Repräsentant der internationalen Bemühungen um Wiederaufbau und Demokratisierung. Und dennoch hält Koenigs die gerade begonnene Offensive der Nato-geführten Schutztruppe Isaf im Süden Afghanistans für notwendig. Es sei „völlig richtig“, dass die Nato mit der „Operation Achilles“ nun die Initiative übernehme, nachdem die Taliban in den vergangenen Wochen immer wieder vor ihrer Frühjahrsoffensive gewarnt hatten.

Genauso richtig wie die Nato-Offensive sei die Ausweitung des Isaf-Einsatzes im vergangenen Jahr nach Süden gewesen, sagte Koenigs im Interview mit dem ARD-Hörfunkstudio Südasien in Kabul. „Alle wollen Frieden. Aber man kriegt den Frieden hier nicht ohne eine starke Nato-Präsenz“, sagt er weiter. „Und hätte man diese Präsenz vom ersten Tag an im Süden gehabt, dann wären die Taliban hier überhaupt nicht mehr auf die Platte gekommen. Von denen hätte man nichts mehr gesehen.“

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„Ohne Militär geht es auch nicht“

Tom Koenigs kennt die Bedenken gegenüber einer erneuten großen Offensive. Er teilt die Besorgnis über weitere zivile Opfer der Kämpfe. Doch ohne Offensive keine Entwicklung, lautet sein Credo. „Alle sagen zurecht, militärisch kann der Krieg nicht gewonnen werden. Das stimmt. Aber ohne Militär auch nicht.“ Wenn es im Süden keine Stabilität, also Zugänglichkeit auch für internationale Kräfte gebe, dann komme auch keine internationale Entwicklung dahin, ist der UN-Beauftragte sicher.

Und gerade im Mangel an Entwicklung und staatlichen Strukturen in den Unruheprovinzen sieht Koenigs die zentrale Ursache der gegenwärtigen Krise. Natürlich verfolgt der Deutsche im Dienste der Vereinten Nationen auch die Debatten zuhause. Die Diskussion, ob die Bundeswehr sich noch lange auf den relativ sicheren Norden Afghanistans beschränken kann oder Bodentruppen in den Süden schicken sollte. Und den Streit der Parteien, ob man an diesem Freitag der Entsendung von Tornado-Aufklärungflugzeugen nach Afghanistan zustimmen darf.

„Wünsche mir intensive Beteiligung von Nato-Staaten“

Die Details der Beteiligung einzelner Nato-Staaten an der Isaf seien Nato-Sache, sagt Koenigs, aber meint auch: „Ich würde mir wünschen, dass es eine möglichst intensive Beteiligung gibt, dass die Effizienz auch hoch ist. Ich finde insgesamt Einschränkungen von jeder Sorte, die man als Nationalstaat macht, erstmal negativ. Denn die Stärke der Nato besteht in der multilateralen Integration.“

Doch der UN-Afghanistanbeauftragte erkennt auf seinen Reisen durch das Land auch wachsende Skepsis gegenüber massiven Militäroperationen. Wenige Jahre nur habe man, um das Blatt zu wenden und den Afghanen die Hauptverantwortung zu übertragen, meint Koenigs im ARD-Interview. Das Zeitfenster, in dem in Afghanistan ertragen werde, dass eben fremde Truppen da seien, schließe sich. „Auf die Dauer im Süden, so wie das die Nato jetzt tut, in der Fläche Militär vorzuhalten, das werden weder wir aushalten noch die Afghanen. Wir müssen jetzt eine enorme Anstrengung darauf verwenden, die Polizei, die Armee, die Regierungsstrukturen, die Justiz in einen Zustand zu bringen, dass die Afghanen das selber machen können“, fordert Koenigs. Erstens könnten diese das besser, zweitens können sie es billiger und drittens sei es auch eher akzeptabel.

„Dürfen die ruhigeren Gebiete nicht vernachlässigen“

Für Koenigs sind Militäroperationen der unvermeidliche Weg zum Ziel. Und das lautet Sicherheit, Wiederaufbau, Regierungsfähigkeit. Der UN-Afghanistanbeauftragte fordert zusätzliche Entwicklungsbemühungen in den Unruheprovinzen des Südens und Ostens, auch von Deutschland. Doch vergleichsweise ruhigere Gebiete im Zentrum und Norden Afghanistans dürften dabei nicht vernachlässigt werden. „Das zu stabilisieren erfordert jetzt eine neue und meines Erachtens kräftigere Anstrengung gerade im Entwicklungsbereich“, sagt er. „Denn die Leute müssen sehen können, dass es sich lohnt, für die demokratische Regierung einzutreten und dass sie damit besser fahren.“

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