Ein neues Leben nach 24 Jahren Haft

Mehr als 24 Jahre hatte die ehemalige RAF-Terroristin Brigitte Mohnhaupt im Gefängnis gesessen. Am Sonntag ist sie auf Bewährung freigekommen. Mohnhaupts Weg von der Philosophiestudentin zur Führungfigur der RAF begann vor 40 Jahren.

Von Holger Schmidt, SWR

Journalistin wollte sie werden, als sie 1967 an der Philosophischen Fakultät der Ludwig-Maximilians-Universität in München ihr Studium aufnahm. Zusammen mit ihrem zeitweiligen Lebensgefährten Rolf Heißler gründete sie eine Wohn­gemein­schaft in München-Schwabing, in der unter anderem Fritz Teufel, Ulrich Enzens­berger und die spätere Terroristin Irmgard Möller zu Gast waren. Doch Mohnhaupt trennte sich schon bald von Heißler, ging 1971 in den Untergrund und suchte Kontakt zu Baader, Ensslin und Meinhof.

Ihre erste Aufgabe war Hilfe bei Wohnungs­an­mietungen und Autobeschaffungen, doch schon am 9. Juni 1972 wurde sie im Berliner Tiergarten zusammen mit einem Komplizen festgenommen. Schwer bewaffnet, wie ein Polizeisprecher beschreibt: „Es handelt sich im Wesentlichen um zwei Pistolen Kaliber neun Millimeter mit jeweils zwei Magazinen. Beide Pistolen waren durchgeladen und entsichert, außerdem hatte sie eine Handgranate, falsche Ausweispapiere, verschiedene Schlüssel, Wohnungsschlüssel und Autoschlüssel dabei“.

Chefin der zweiten RAF-Generation

Wegen Unterstützung der Roten Armee Fraktion wurde Brigitte Mohnhaupt 1972 zu einer Haftstrafe von knapp fünf Jahren verurteilt und verbüßte die Haft zunächst im badischen Bühl, dann in Stuttgart-Stammheim. Dort wurde „Hilde“ wie sie innerhalb der RAF hieß, von Bader und Ensslin systematisch zur Führungsfigur der so genannten „zweiten Generation“ aufgebaut – und zwar ohne dass es die Terrorismus-Ermittler von BKA und Bundesanwaltschaft merkten, wie der damalige Terrorismus-Fahnder und heutige Stuttgarter Generalstaatsanwalt Klaus Pflieger zugibt: „Sie war nach allen Zeugen­aussagen ab dem Frühjahr 1977 die Chefin der RAF und wurde als Rädelsführerin auch angeklagt und verurteilt. Sie hatte das Heft für alle Aktionen im Jahr 1977 in der Hand.“

Am 8. Februar 1977 kam sie frei und stieg sofort in die Planung der Mordserie des Terrorjahres 1977 ein: Im Mai starben der damalige Generalbundesanwalt Siegfried Buback, sein Fahrer und ein Begleiter. Im Juli war es der Dresdner-Bank Chef Jürgen Ponto. Der blutige Höhepunkt war schließlich die Entführung und Ermordung von Arbeitgeberpräsident Hans-Martin Schleyer und seiner Begleiter. Überall gehörte Brigitte Mohnhaupt nach der festen Überzeugung von Gericht und Bundesanwaltschaft zu den Rädelsführern oder war selbst die Täterin.

Jahre der Flucht

Trotzdem schaffte sie es, sich bis Anfang der 80er Jahre vor den Ermittlern des BKA zu verstecken. Am 11. November 1982 wird sie schließlich zusammen mit der gesuchten Adelheid Schulz im südhessischen Heusenstamm festgenommen. Pilzsammler hatten ein Waffenversteck gefunden – die Polizei lag auf der Lauer. SWR-Reporter Hans Linketscher berichtete damals: „Drei Wochen lang haben Sicherheitskräfte von Bund und Ländern das aufgrund eines Hinweises von Spaziergängern gefundene Versteck der Roten Armee Fraktion beobachtet. Gestern am späten Nachmittag war es dann so weit: Mohnhaupt und Schulz näherten sich dem Versteck und wurden von Polizeibeamten und Mitgliedern der Spezialeinheit GSG9 festgenommen.“

1985 wird Brigitte Mohnhaupt vom OLG Stuttgart wegen Mordes und Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung zu fünfmal lebenslang plus 15 Jahren Haft verurteilt – ein Strafmaß, dass es inzwischen im deutschen Strafprozess so nicht mehr gibt. Noch etwa zehn Jahre lang versucht sie auch im Gefängnis die RAF beieinander zu halten. Die sogenannte „dritte Generation“ kündigte ihrer Anführerin 1993 die Gefolgschaft auf und verkündete schließlich auch das Ende der RAF.

Distanz, aber keine öffentliche Reue

Am Ende war Brigitte Mohnhaupt in der bayerischen JVA Aichach in der Nähe von Augsburg in Haft. Sie hatte sich vom bewaffneten Kampf der RAF distanziert, ohne explizit Reue zu zeigen. In den vergangenen Monaten durfte sie das Gefängnis im Rahmen von Haftlockerungen schon mehrfach verlassen, so war sie jeweils einen Tag lang in Frankfurt am Main, Augsburg und Traunstein. Schließlich kam Mitte Februar die Entscheidung des OLG Stuttgart, Brigitte Mohnhaupt auf Bewährung zu entlassen. Seit heute ist sie frei.

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