Ein Entführter kehrt zurück – nach 32 Jahren

Choe U-Kil hätte gerne miterlebt, wie seine Kinder groß geworden sind. Doch das Schicksal hatte einen anderen Plan: Der Südkoreaner wurde als junger Mann von der nordkoreanischen Marine entführt, als er in einem Fischerboot unterwegs war. Jetzt, nach 30 Jahren, gelang Choe U-Kil die Flucht aus Nordkorea – zurück zu seiner Familie und den Kindern.

Von Mario Schmidt, ARD-Korrespondent Tokio, zurzeit Seoul

Als der ehemalige Fischer Choe U-Kil Mitte Januar in seiner Heimat Südkorea ankommt, werfen sich seine Kinder am Flughafen vor ihm weinend auf die Knie. Das letzte Mal haben sie ihn vor 32 Jahren gesehen. So lange hat auch seine Frau auf ihn gewartet.

Wir treffen das Ehepaar einige Wochen später. Sie haben viel nachzuholen, gucken sich Hochzeitsbilder der Kinder an. In Choe U-Kils Erinnerung waren die drei Töchter und der Sohn noch klein. Die Familie hielt ihn viele Jahre für tot. Sie wussten nicht, dass er von Nordkorea entführt worden war. „Es verging kein Tag, an dem ich nicht an meine Frau und die Kinder gedacht habe“, sagt Choe U-Kil.

Beim Fischen entführt

Die Familie wohnte im August 1975 im Küstenort Jumunjin. Damals fuhr der Vater mit 31 anderen Männern zum Tintenfischfang raus. Das Schiff kehrte nie zurück. Alle dachten, es sei gesunken, die Fischer wurden für tot erklärt. Erst 20 Jahre später erfuhren die Familien, was tatsächlich passiert war – dank eines aus Nordkorea geschmuggelten Briefes. Geschrieben hatte den Brief Fischer Choe U-Kil an seine Familie: „Wir wollten nach dem Fischen zurück fahren“, erinnert sich der mittlerweile 67-Jährige. „Plötzlich tauchte die nordkoreanische Marine auf und feuerte zwei Warnschüsse ab. Wir hatten keine Waffen und konnten nicht fliehen. Dann haben sie uns entführt.“

Den Geheimdienst im Nacken

Im stalinistischen Nordkorea präsentiert die Staatspropaganda die Gefangenen der Bevölkerung als Flüchtlinge. Sie hätten das angeblich verarmte Südkorea freiwillig verlassen, um im Norden zu leben. Die gekidnappten Fischer müssen in Bergwerken, Fabriken oder in der Landwirtschaft arbeiten. Einige müssen vermutlich bei der Ausbildung nordkoreanischer Spione mithelfen, ihnen südkoreanische Dialekte und Lebensgewohnheiten beibringen. Der Geheimdienst lässt sie nicht mehr aus den Augen. Fischer Choe U-Kil kommt auf eine Farm, lebt dort abgeschnitten von der Außenwelt.

„Von den 32 Fischern ist mehr als die Hälfte tot“

Auch in anderen Ländern gehen Nordkoreaner vor allem in den 70er und 80er Jahren auf Menschenfang. Mehrere Japaner werden zum Beispiel auf offener Straße entführt, in Nordkorea müssen sie dann Agenten Japanisch beibringen. Aus Südkorea werden die meisten verschleppt. Fast 4000 Menschen wurden nach Schätzungen seit Ende des Korea-Krieges 1953 gekidnappt oder gegen ihren Willen im Land festgehalten. Etliche sind bereits gestorben, knapp 500 von ihnen sollen noch in Nordkorea leben. Choe U-Kil sagt: „Von uns 32 Fischern ist mehr als die Hälfte tot, einige waren bei der Entführung schon alt, andere sind verhungert, von 1994 bis 1998 gab es kaum Nahrungsmittel in Nordkorea. Aber von zehn Männern weiß ich, dass sie noch leben. Sie führen ein unvorstellbar miserables Dasein.“

Choe Sung-Yong sucht nach Entführungsopfern

Für die Angehörigen der Verschleppten ist der Südkoreaner Choe Sung-Yong die größte Hoffnung. Er hat ein geheimes Netzwerk aufgebaut. Seine Informanten sind Nordkoreaner, die für ihn in der abgeschotteten Diktatur nach den Entführten suchen. 150 Verschleppte hat er schon ausfindig gemacht, einige waren da schon tot. Für gut 25.000 Euro engagieren ihn Angehörige, damit er versucht, die Entführten aus dem Land zu bringen. Choe U-Kil ist einer von fünf Männern, denen sein Netzwerk zur Flucht verhelfen konnte. „Ich wollte schon aufgeben, weil acht meiner Informanten auf dem Weg zu ihm erwischt worden sind“, sagt Choe Sung-Yong. „Ich weiß nicht, was aus ihnen geworden ist, vielleicht wurden einige hingerichtet. Dann habe ich noch einen letzten Boten geschickt. Und dem gelang es, unbemerkt Kontakt zu Fischer Choe U-Kil aufnehmen. Er hat ihm den Weg mit dem Zug bis nach China gewiesen.“

Entführte nicht vergessen

Die Vorbereitung der Flucht hat sieben Jahre gedauert. Choe Sung-Yong hat Bodyguards von der Regierung bekommen, aus Sorge vor nordkoreanischen Killern. Auch sein Vater wurde in den 70er Jahren entführt, ebenfalls ein Fischer. Der Sohn und seine Mutter suchten jahrelang nach ihm. Schließlich fanden sie heraus, dass Nordkorea ihn bereits hingerichtet hatte. Trotzdem macht sein Sohn weiter, weil er es seiner Mutter versprochen hat. „Sie ist vor zwei Jahren gestorben. Vor ihrem Tod, sagte sie mir, ich soll weiter Entführte retten und die Asche meines Vaters finden, damit sie mit ihm zusammen begraben werden kann. Ich hoffe, dass sich Nordkorea entschuldigen wird.“

Choe U-Kil hinterlässt Kinder in Nordkorea

Der heimgekehrte Fischer Choe U-Kil kann jetzt mit seinem Enkelkind spielen, aber der Preis seiner Flucht war hoch. In Nordkorea hat er nach mehreren Jahren geheiratet und hat zwei erwachsene Kinder. Er hat ihnen nichts von der Flucht erzählt, weil er glaubte, dass sie nicht mitgekommen wären. Dass sie für seine Flucht nun bestraft werden, ist in Nordkorea wahrscheinlich. „Ich bin geflohen, weil ich hier sterben will“, sagt er mit Tränen in den Augen.

Dass er wieder in Südkorea ist, hat er seiner Frau zu verdanken. Sie hat die Hoffnung nie aufgegeben und immer weiter nach ihm suchen lassen. Neue Arbeit wollen sie finden, um nicht von den Kindern abhängig zu sein. Und sie wollen alles tun, damit die anderen Entführten in Nordkorea nicht vergessen werden.

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