„Das ist Gesetzlosigkeit“

Hunderte Sonderpolizisten des russischen Innenministeriums sind gegen friedliche Demonstranten und unbeteiligte Passanten vorgegangen. Bei den Moskauern weckt das Erinnerungen an unsichere Zeiten.

Von Hermann Krause, ARD-Hörfunkstudio Moskau

In der Innenstadt Moskaus, am Puschkin-Platz und auch in den nahegelegenen Straßen versuchte ein Großaufgebot an Sondereinheiten des Innenministeriums, Kundgebungen und Demonstrationen zu verhindern. Diese Omon-Soldaten gingen dabei zum Teil mit Gewalt gegen friedliche Demonstranten vor, wie der liberale Abgeordnete Nikolai Ryschko schildert: „Schreckliche Dinge passieren, vor meinen Augen verprügeln Omon-Soldaten Frauen und Rentner. Die Leute standen nur herum und machten nichts. Sie hatten keine Plakate, nichts in der Hand. Sie schrieen keine Parolen. Aber man verprügelte sie, man jagte sie förmlich. Das ist Gesetzlosigkeit.“

Rückkehr der 90er Jahre

Kurz vor 12.00 Uhr versammelten sich erste Demonstranten friedlich auf dem Bürgersteig vor dem Puschkin-Platz, die meisten davon Rentner oder junge Leute. Die Omon-Einheiten hielten sich noch im Hintergrund. Eine Demonstrantin sagte: „Wir sind hier, weil wir sonst nirgendwo unsere Meinung sagen können. Das Fernsehen kann man nicht angucken, alles wird von oben bestimmt. Alles ist wie in den 90er Jahren.“ Und eine junge Frau meinte: „Ich bin hier, weil ich weiß, dass unsere Grundrechte verletzt werden.“

Dann rückten immer mehr Polizei- und Omon-Einheiten an, die wenigen Demonstranten wurden vom Platz getrieben, alle Zugänge gesperrt, selbst normale Passanten waren plötzlich eingekreist. Skandiert wurde, wie in Sowjetzeiten, als auch Kundgebungen auseinandergetrieben wurden: „Posor“ – „Schande“.

„Angriff auf friedliche Bürger Russlands“

Eingekeilt zwischen den Milizionären verbreitete sich dann die Nachricht, dass Garri Kasparow, auf den alle warten, auch festgenommen worden war. Der ehemalige Schachweltmeister hatte die Möglichkeit, darüber in einem Telefoninterview zu berichten: „Ich spazierte mit einer Gruppe von Leuten auf dem Bürgersteig. Wir hatten keine Plakate bei uns. Wir gingen Richtung U-Bahn. Plöztlich wurden wir von Omon-Einheiten eingekreist. Die Omon hat einen Angriff auf friedliche Bürger Russlands unternommen.“

Nicht nur Kasparow wurde festgenommen, auch die Oppositionspolitikerin Maria Gaidar, eine Tochter des früheren Premierministers Jegor Gaidar. Der Versuch, Michael Kasjanow, früher Ministerpräsident, jetzt Oppositionspolitiker festzunehmen, verhinderten dessen Leibwächter.

Weitere Zusammenstöße

Die Zahl der Festgenommen insgesamt steht nicht genau fest, die Rede ist von mehr als 170. Trotz der überwältigen Präsenz der Omon machten sich mehrere hundert Menschen dann doch auf den Weg zum Turgenjew-Platz. Auch dabei kam es zu Zusammenstößen; die Omon-Soldaten gingen zum Teil mit Schlagstöcken gegen die Demonstranten vor.

Original, Google Cache, archive.org

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