„Als Schwuler ist man an den Schulen vogelfrei“

In Warschau haben mehrere tausend Menschen für die Gleichberechtigung von Schwulen und Lesben demonstriert. Wegen drohender Übergriffe mussten sie das unter Polizeischutz tun. Die rund 5000 Teilnehmer der „Parade der Gleichheit“ marschierten vom Parlament durch die Innenstadt. Unter den zahlreichen ausländischen Gästen der Demonstration waren auch rund 25 Abgeordnete aus den Parlamenten anderer Länder und der EU, darunter die deutschen Grünen-Politiker Claudia Roth und Volker Beck, sowie die schwedische Europaministerin Cecilia Malmström.

Lehrer dürften bei der Veranstaltung nicht dabei gewesen sein. Für sie wäre das im derzeitigen Polen zu riskant. Denn seit die Regierung per Dekret „homosexuelle Propaganda“ an Schulen verboten hat, geht unter den schwulen Lehrern des Landes die Angst um.

Von Daniel Kaiser für tagesschau.de

Rafal hat es nicht mehr ausgehalten. Der 24-jährige Lehrer aus Bielsko-Biała in Südpolen hat seinen Job hingeschmissen. „Die schwulenfeindliche Stimmung an meiner Schule war einfach nicht mehr zu ertragen“, sagt er. Mitten im Unterricht haben Schüler angefangen, „YMCA“ von der bekannten schwulen Band „Village People“ zu singen. „Nur um zu sehen, wie ich reagiere.“

„Sogar andere Lehrer haben mich gemobbt“

Und nicht nur die Schüler haben ihn gehänselt. „Sogar andere Lehrer haben mich gemobbt“, erzählt Rafal. Ein Geschichtslehrer habe den Schülern im Unterricht eingetrichtert, nie zu vergessen, dass Sparta wegen Homosexualität untergegangen sei. „Da habe ich ihn zur Rede gestellt und ihm widersprochen. Danach hat er mich überall als Schwulenversteher lächerlich gemacht. Es war unerträglich.“

Rafal wollte im katholisch-konservativen Milieu in Polen junge Leute zu verantwortungsvollen Menschen erziehen und erlebte einen Albtraum. „Als Schwuler ist man an polnischen Schulen vogelfrei – als Schüler aber auch als Lehrer“, lautet sein niederschmetterndes Fazit. „Wenn es um Homosexualität geht, herrscht an polnischen Schulen oft noch Krieg.“ Schüler, die als schwul gelten, werden ständig gedemütigt. „Wir Lehrer haben kaum eine Chance, das zu unterbinden, ohne selbst angegriffen zu werden.“

Die 25-jährige Lehrerin Anna aus Torun hat ähnliche Erfahrungen gemacht. „Ich kenne keinen Lehrer, der offen schwul lebt. Das ist einfach zu gefährlich.“ Anna kann in ihrer Freizeit auch nicht in schwule oder lesbische Lokale gehen. Die Gefahr, erkannt zu werden, ist zu groß. „Und mit der neuen Regierung ist alles noch schlimmer geworden“, sagt Anna.

„Homosexuelle Propaganda“ per Dekret verboten

So holte Bildungsminister Roman Giertych von der national-katholischen Regierungspartei „Liga der Polnischen Familien“ in dieser Woche zu einem neuen Schlag aus. Per Dekret verbot er „homosexuelle Propaganda“ an Schulen und wedelte dabei mit der Safer-Sex-Broschüre einer schwulen Jugendorganisation, die zwei küssende Männer zeigte – als vermeintliches Beweisstück. Direktoren, die sich Giertychs Anweisungen widersetzen, müssen mit Strafen rechnen.

Schwule Lehrer in Polen tauchen ab. Schon ein öffentliches Coming Out könnte in Giertychs Augen solche verbotene „Propaganda“ sein. „Homosexualität ist für Giertych eine Ideologie“, schüttelt Rafał den Kopf. „Ausgerechnet ein Bildungsminister glaubt so etwas Absurdes, dass man einen Menschen zum Schwulsein überreden könnte.“

Mit plakativen Themen gegen das Umfragetief

Aber Giertych braucht dringend plakative, konservative Themen. Seine Partei liegt in einem chronischen Umfragetief und hätte bei Neuwahlen keine Chance mehr, ins Parlament einzuziehen. Für besonders gewagte Thesen schickt er seinen Stellvertreter, Wojciech Wierzejski, vor. Der setzt Schwule mit Pädophilen gleich und spricht damit Urängste der Eltern vor sexuellem Missbrauch ihrer Kinder an. „Wie eine Hexenjagd ist das“, schimpft Anna. „Bei uns herrscht ein Klima der Angst!“

Wenn tausende Schwulen und Lesben an diesem Wochenende in Warschau demonstrieren, dann müssen sie das wie schon in den Vorjahren unter Polizeischutz tun. Giertychs Jugendorganisation, die „Allpolnische Jugend“, droht mit gewaltsamen Übergriffen. Und am Straßenrand werden wieder viele Warschauer mit verschränkten Armen und skeptischem Blick stehen. Das Klima ist rau. „Trotzdem demonstrieren sogar schwule und lesbische Jugendliche für ihre Rechte. Aber einen Lehrer habe ich da noch nie gesehen. Ich traue mich ja auch nicht“, gibt Anna zu. So wird der Gleichheitsmarsch wieder zum Lackmustest, der zeigt, ob die polnische Gesellschaft wirklich schon im freiheitlichen Europa angekommen ist.

Rafal glaubt das nicht. Zu tief sitzt die Skepsis in der konservativen Bevölkerung. Auch der EU-Beitritt seines Landes habe noch keinen Durchbruch gebracht. In letzter Instanz würde die Europäische Union die polnische Regierung zwar stoppen, ist sich Rafal sicher. „Aber im Schulalltag sind Brüssel und Straßburg weit, weit weg.“

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