Ein Teufelskreis nimmt seinen Lauf

Schon bevor die Erderwärmung zum Thema wurde, begannen die Gletscher in Alaska zu schmelzen. Bereits um sechs Grad ist die Durchschnittstemperatur dort in den vergangenen 50 Jahren gestiegen – mit verheerenden Folgen: Nicht nur die Gletscher schmelzen rasant, in der Tundra setzt sich auch ein gefährlicher Teufelskreis in Bewegung.Thomas Berbner hat sich vor Ort umgesehen.

Von Thomas Berbner,ARD-Korrespondent Washington

Wir sind unterwegs zu den Gletschern Alaskas. Mit uns kommt Keith Echelmeyer. Er ist Gletscherforscher an der Universität von Fairbanks. Seit Jahrzehnten untersucht er den Rückgang der Gletscher Alaskas. „Gletscher sind ständig in Bewegung. Sie reagieren auf ihre Umgebung. Von ihnen kann man eine Menge lernen, nicht zuletzt über die Veränderung unseres Klimas.“

Wir fliegen zum Columbia-Gletscher, einem der größten am Prinz William Sund. Als wir ankommen, werden wir Zeugen eines grandiosen Naturschauspiels: Ein Eisberg bricht von der Gletscherzunge ab und stürzt ins Meer. Von keinem anderen Gletscher Nordamerikas fließt mehr Wasser in den Ozean. Aus allen Gletschern zusammen genommen ergießen sich jedes Jahr 100 Billionen Kubikmeter Wasser, das ist die 2000 Mal die Menge des Bodensees.

Gletscher schmilzt 600 Meter pro Jahr

Wir landen direkt neben der Gletscherzunge des Columbia. Von hier oben kann man am besten beurteilen, wie sich der Gletscher verändert, sagt Keith. Ich bin gespannt: Mit einem ARD-Team habe ich den Columbia vor drei Jahren zum letzten Mal besucht. Der Gletscher hat sich seitdem sehr verändert: Damals war die gesamte Bucht noch mit Eis bedeckt. Zwei Kilometer Gletschereis sind seitdem verschwunden.

Mittels Infrarotmessungen im Gletschereis haben Keith und sein Wissenschaftsteam herausgefunden, dass sich der Rückgang der Gletscher in den letzten Jahren immer weiter beschleunigt. „Seit 1980 hat sich der Columbia um 15 Kilometer zurückgezogen. In den letzten Jahren beträgt der Rückgang rund 600 Meter pro Jahr. Für eine Weile war die Gletscherzunge zwischen zwei Bergen eingeklemmt. Dann brach das Eis an einer Seite weg und der Gletscher zieht sich immer weiter zurück.“

Die Gletscher haben ihren Rückzug schon vor vielen Jahrzehnten begonnen, lange bevor die Welt über die Erderwärmung diskutierte. Welchen Anteil der Mensch am Temperaturanstieg hat, ist nach wie vor umstritten. Fest steht nur, dass es in Alaska immer wärmer wird.

Für die Robbenjagd ist das Eis schon zu dünn

Wir sind unterwegs im Norden. Hier macht sich der Temperaturanstieg besonders stark bemerkbar, sagt George Oliman, der stellvertretende Bürgermeister von Barrow: „Wir nennen Barrow das Dach der Welt“, sagt George. Es ist die nördlichste Gemeinde der USA. „Ich wurde hier geboren und bin hier aufgewachsen. Seitdem habe ich eine Menge Veränderungen gesehen.“

Mehr als die Hälfte der rund 5000 Einwohner sind Inupiat, damit ist Barrow eine der grössten Eskimosiedlungen der Welt. Der Ort ist berüchtigt für sein raues Klima. Normalerweise ist es hier bis spät ins Frühjahr hinein bitterkalt. Seit vielen Jahren aber registrieren die Einwohner steigende Temperaturen. „Früher hatten wir hier um diese Jahreszeit regelmässig Temperaturen von minus 30 Grad Celsius. Jetzt sind es gerade noch minus fünf Grad und häufig ist es sogar über dem Gefrierpunkt“, sagt George. Wissenschaftler haben die subjektiven Aussagen der Ureinwohner mit ihren Messdaten verglichen und festgestellt, dass sie übereinstimmen.

Der alte Mann führt uns zur Küste: „Dieses Eis ist sehr jung. Das alte Eis zieht sich immer weiter zurück. Aber wir brauchen dieses alte und stabile Eis für die Jagd auf Robben. Diese dünne Eisdecke wird wieder wegschmelzen. Das war früher nicht so. Als ich noch jung war, haben sich die Eisberge dort drüben hoch aufgetürmt.“

Ein teuflischer Kreis schließt sich in der Tundra

Wir fahren hinaus in die Tundra. Denn eine der größten Gefahren für das Weltklima lauert genau hier im gefrorenen Boden der Arktis. Der Geologe Steve Hasting bringt uns zu einer seiner Messtationen. Mit solchen Einrichtungen haben Forscher wie Steve Alarmierendes herausgefunden. Seit 50 Jahren ist die Durchschnittstemperatur in Alaska um rund sechs Grad Celsius angestiegen. Aus dem gefrorenen Boden der Arktis, der über Tausende von Jahren große Mengen Kohlendioxid aus der Erdatmosphäre aufgenommen hat, entweicht seit dem Temperaturanstieg in großen Mengen Kohlendioxid. Statt wie über Jahrtausende hinweg die Erdatmosphäre zu entlasten, verschlimmert das Abtauen des Permafrostbodens die Situation noch weiter.

Steve Hasting beschreibt einen Teufelskreis: „Wenn immer mehr Kohlendioxid aus dem Tundraboden in die Luft entweicht, erhöht sich die CO2-Konzentration in der Atmosphäre. Das Schlimmste aber ist, dass sich der Effekt selbst verstärkt: Mehr Kohlendioxid in der Luft bedeutet mehr Wärme. Dann taut noch mehr Permafrostboden. Das wiederum führt zu noch mehr Ausstoss von Kohlendioxid, dadurch wird es wärmer und wärmer und wärmer.“

Der Gletscher liegt jetzt 500 Meter tiefer

Wir sind zurück am Columbia-Gletscher. Keith Echelberg zeigt uns, wie sich der Anstieg der Temperaturen auf den Gletscher auswirkt. Er weist auf Rillen im Felsen, die davon zeugen, wie hoch der Gletscher einmal war. Die Rillen entstehen, wenn Steine vom Eis über die Felsen gezogen werden. Diese Rillen befinden sich weit über dem Gletscher. Seine Zunge ist weit entfernt, rund 500 Meter unter uns.

Wir verabschieden uns vom Columbia-Gletscher. Die Eisschollen treiben hinaus aufs Meer. Letzte Gewissheit über die Ursachen des Klimawandels werden wir wohl erst in einigen Jahren haben, erklärt uns Keith Echelberg zum Abschied. „Ich kann nicht beweisen, dass Menschen für die Veränderung des Weltklimas verantwortlich sind“, sagt der Forscher, „aber ich kann klar belegen, dass unsere Gletscher so schnell schmelzen wie nie zuvor.“

Original, Google Cache, archive.org

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter tagesschau.de abgelegt und mit verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.