Zurück in die Zukunft: Der Kibbuz im Wandel

Das Leben im Kibbuz hat sich in den letzten Jahren stark gewandelt. Viele Vorurteile stimmen längst nicht mehr. Um überleben zu können, haben sich die Gemeinschaften mit der Zeit entwickelt. Zum Beispiel der Kibbuz Yas’ur in Nordisrael in der Nähe von Akko. Er ist mit der Zeit gegangen und wurde privatisiert.

Von Torsten Teichmann, ARD-Hörfunkstudio Tel Aviv

Drei Zimmer, eine rote Einbauküche und ein Bad. Ronit wohnt mit ihrem Mann und ihrem Baby in einem kleinen, langgezogenen Haus. Ronit hat viele Nachbarn, die in ähnlichen Häusern wohnen. In unmittelbarer Nähe gibt es mehrere Kindergärten, einen Pool und am Eingang des Geländes ein Tor und ein Gemeindezentrum.

Ronit ist mit ihrer Familie in einen Kibbuz gezogen: „Es gab immer Vorurteile über Leute aus dem Kibbuz“, sagt sie. „Zum Beispiel dass sie Snobs sind, sich für etwas Besseres halten, dass sie karierte Hemden tragen und die Jungs kampfeslustig sind und in die Armee gehen. Das war alles, was ich früher mit dem Kibbuz in Verbindung gebracht habe.“

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„Früher war das undenkbar“

Diese Vorurteile sind überholt, ebenso wie die Legende von der Gemeinschaft, die alles teilt. Der Kibbuz Yas’ur in der Nähe von Akko zum Beispiel wurde privatisiert, um zu überleben. Ein professioneller Manager leitet jetzt den landwirtschaftlichen Betrieb, die Tankstelle und das Pflegeheim. Er heißt Micha Kisser und wohnt außerhalb der Gemeinde. „Früher war das undenkbar, dass ein Manager nicht Mitglied des Kibbuzes ist – schon gar nicht ein religiöser Manager in einem Kibbuz einer marxisitisch-zionistischen Bewegung“, erklärt er. „Das hat sich geändert. Alles ist professioneller und pluralistischer.“

Erinnerung an Gründungszeiten

Yas’ur wurde 1948 von ungarischen, deutschen und polnischen Juden aufgebaut. Später nahm die Gemeinschaft Brasilianer auf, die nach Israel eingewandert waren. Nurit kennt den Kibbuz seit der Gründung. Damals hatte jede Wohnung nur 27 Quadratmeter, denn die Kinder lebten zusammen in einem eigenen Haus. Es gab gleiche Rechte und Pflichten für alle.

An den gemeinsamen Speisesaal hat Nurit keine guten Erinnerungen. Das hängt mit ihrer sehr persönlichen Geschichte zusammen: ihre Mutter ist Überlebende des Holocaust. „Diese Leute haben doch immer Essen gehortet“, sagt Nurit. „Und die Kibbuz-Mitglieder aus Brasilien haben sich keine großen Gedanken gemacht über meine Mutter, die vier Jahre in Auschwitz war. Die haben über sie gelacht und sie verhört, warum sie so viel Essen nimmt.“

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350.000 Schekel für einen Platz im Kibbuz

Diese schlechte Erfahrung ist vielleicht ein Grund, warum Nurit nicht melancholisch ist, wenn sie über die Privatisierung und die Veränderungen spricht. Nach Jahren der Stagnation wächst der Kibbuz sogar wieder. Das Gelände gleicht einem großen grünen Garten mit vielen renovierten und erweiterten Baracken. „Die alten Häuser sind schon alle verkauft“, erklärt Nurit. Die noch übrigen müsse man abreißen. „Interessenten bieten wir dann 500 Quadratmeter Land für 350.000 Schekel inklusive aller Steuern.“

Das sind 70.000 Euro – viel Geld. Zehn Familien nimmt der Kibbuz Yas’ur jedes Jahr auf. Sie müssen einen achtstündigen Test durchlaufen, bevor die Gemeinschaft über ihren Antrag entscheidet. Ronit und ihr Mann haben ihn vergangenes Jahr bestanden. Sie wollten in einen Kibbuz, weil sie auf der Suche nach einer Gemeinschaft waren. „Für die meisten Bewohner im Kibbuz ist es nicht so wichtig, viel Geld zu verdienen, das schönste Haus, einen Geländewagen in der Einfahrt und einen Pool im Garten zu haben“, sagt Ronit. Das könne man alles haben. „Aber den meisten ist es nicht wichtig.“

In Ronits Worten schwingt der Traum der Kibbuzgründer wieder mit. Eine Sehnsucht nach einer Gemeinschaft, in der sich alle helfen und Unterschiede nicht zählen. Wenn Yas’ur diesen Wunsch heute wieder erfüllen kann, dann nur weil sich der Kibbuz radikal verändert hat.

Original, Google Cache, archive.org

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