„Man muss das Schwulsein in den Griff bekommen“

Schwulsein und an Jesus glauben – das geht nicht, sagen die fundamentalistischen Kirchen in den USA. Wer schwule Neigungen hat, soll sie wegbeten. Einmal im Jahr treffen sich ehemalige Schwule, um gemeinsam den Dämon zu besiegen.

Von Michael Heussen, ARD-Korrespondent New York

Niemand dreht sich um, wenn Männer Händchen halten. Offen gelebte Schwulenkultur, das ist Alltag im New Yorker Village. Hier haben Homosexuelle vor 40 Jahren mit der Polizei gekämpft – für ihre Rechte, für ihre Gleichberechtigung, gegen Diskriminierung. Das Village ist historischer Boden der Schwulenbewegung. Unbeschwert ein schwules Leben zu führen, dafür musste auch Peterson Toscano hart kämpfen – allerdings mit sich selbst. Er war fundamentaler Christ, streng religiös, seine Homosexualität war ihm lange zuwider. „Ich wusste schon als Kind, dass ich anders bin“, erzählt er. „Es lag nicht an meiner Erziehung und ich habe es mir nie ausgesucht, schwul zu sein. Meine Eltern haben geahnt, dass ich schwul war. Sie haben sich allerdings größere Sorgen darum gemacht, dass ich mich den wiedergeborenen Christen zuwandte. Sie sind total ausgeflippt, als ich als Teenager von einem Tag zum anderen all die Bilder der Rockstars in meinem Zimmer runtergerissen habe und plötzlich lauter Poster mit Sonnenuntergängen und Sprüchen wie ‚Jesus liebt Dich‘ an der Wand hingen.“

Einige haben eine Erfolgsgeschichte zu erzählen

Schwulsein und an Jesus glauben – das geht nicht, sagen die fundamentalistischen Kirchen in den USA. Wer schwule Neigungen hat, soll sie wegbeten. Einmal im Jahr treffen sich Ex-Schwule, um gemeinsam den Dämon zu besiegen. „Exodus“ heißt ihre Bewegung – „Ausweg“ aus der Homosexualität. Die meisten empfinden ihre Neigung als Stigma, schämen sich immer noch. Einige aber haben eine Erfolgsstory zu erzählen, wie Jeff und Angela, ein Ehepaar aus Tennessee. Bibelstudium, Seminare und Fachbücher hätten Jeff geholfen, seine Homosexualität zu überwinden und heterosexuell zu werden. Die beiden sind heute ein Vorzeigepaar. Bis vor zehn Jahren hat Jeff mit einem Mann zusammengelebt, bevor er zu „Exodus“ kam und Angela traf. „Es gibt schon hin und wieder Versuchungen, immer noch, aber sehr viel weniger als früher. Diese homosexuellen Gedanken sind jetzt verschwindend klein, und sie beeinflussen mich nicht mehr – weder mein Verhalten noch mein Bild von mir selbst“, sagt Jeff. Und seine Frau ergänzt: „Wir beide glauben fest an den Herrn. Wir sind Mitglieder einer kleinen Kirchengemeinde und bekommen dort sehr viel Rückhalt. Das gibt mir die Zuversicht, dass Jeff stark bleibt.“

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Weniger als ein Drittel bleibt dabei

Die Erfolgsquote ist allerdings gering. Nicht einmal ein Drittel der Teilnehmer schafft es – die Führer von „Exodus“ glauben trotzdem, dass nur ein heterosexuelles oder ein enthaltsames Leben hin zu Gott führen kann. „Gott hat uns nicht für die Homosexualität geschaffen“, behauptet „Exodus“-Präsident Alan Chambers. „Das geht deutlich aus der Bibel hervor. Und ich glaube auch nicht, dass es Gottes Wille ist, wenn ein Mensch schwul wird. Das ergibt sich wie so vieles im Laufe unseres Lebens, hervorgerufen durch äußere Einflüsse. Das sind Dinge, die man in den Griff bekommen muss.“

„Geh wie ein Cowboy“

Peterson Toscano hat oft an diesen Konferenzen teilgenommen. 17 Jahre lang hat er versucht, seine Homosexualität zu bekämpfen, er hat sogar eine Frau geheiratet, in der Times Square Church in Manhattan – es hat nichts geholfen. „Wenn Menschen so verzweifelt nach einer Lösung ihrer Probleme suchen, tun sie fast alles“, sagt er. „Und es gibt viele, die auf eine Heilung ihrer Homosexualität hoffen. Sie glauben an alles, was man ihnen erzählt. Mit all dieser Angst und der Scham kannst du ja nicht mehr klar denken. Und diese Leute von ‚Exodus‘ treten als Experten auf. Ich habe auch gedacht: Die stehen für Gott, das ist wie eine Wissenschaft, ich vertraue ihnen.“ Aber der Weg, der aus der Homosexualität herausführen sollte, kam Peterson oft merkwürdig vor. Kleidung, Stimme und Frisur sollten männlicher werden, sagten sie ihm und auch die Bewegungen. In einem Umerziehungscamp wurde ihm gezeigt, wie man als Mann zu gehen hat: „Geh nicht so. Stattdessen stell die Beine weiter auseinander. Bleib locker in den Hüften – geh wie ein Cowboy.“

„Es war wie aus dem Koma aufzuwachen“

Ein harmloses Beispiel, aber heute ist Peterson überzeugt, dass „Exodus“ gefährlich ist, dass die Umerziehungsversuche den Männern und Frauen, die mit ihrem Glauben und ihren sexuellen Neigungen kämpfen, mehr schaden als nützen. Am Ende war Peterson Toscano um viel Geld ärmer und um Erfahrungen reicher. „Nachdem ich über 30.000 Dollar ausgegeben und Therapien auf drei Kontinenten mitgemacht hatte, bin ich eines Tages völlig erschöpft zu mir gekommen und habe mir gedacht, was zum Teufel machst Du hier eigentlich? Das ist doch verrückt. Es war wie aus einem Koma aufzuwachen“, erinnert er sich. Peterson will jetzt anderen helfen, die in die Fänge von „Exodus“ geraten sind. Er hat zu einer Gegenkonferenz eingeladen – für die, die die Ex-Schwulenbewegung überlebt haben, wie sie selbst sagen. Sie sollen lernen, wie man schwul sein und trotzdem ein gottesfürchtiges Leben führen kann.

„Exodus“-Gründer ist selbst ausgestiegen

Einer der Teilnehmer der Gegenkonferenz ist Michael Bussee. Er hat „Exodus“ vor 30 Jahren mitgegründet, ist aber bald wieder ausgestiegen, weil er wieder schwul sein wollte und weil er die Methoden und angeblichen Erfolge seiner ultrareligiösen Ex-Schwulen-Organisation schon bald für fragwürdig hielt. „Eines Tages kam ein junger Mann zu mir“, berichtet Bussee. „Er erzählte, dass er Sex mit einem Unbekannten hatte und sich danach so schuldig fühlte, dass er sich selbst verstümmelt hat. Er hat sich mit einer Rasierklinge die Genitalien aufgeschnitten und dann Rohrreiniger draufgeschüttet, um seine Schuld zu büßen. Da habe ich gemerkt, ich muss aufhören. Ich kann nicht weiterhin so tun, als wenn ich nicht mehr schwul bin und kann nicht weiter gegen Homosexualität predigen, wenn das solche Schäden anrichtet.“ Einen kleinen Erfolg können die „Jetzt-wieder-Schwulen“ für sich verbuchen: „Exodus“ hat versprochen, seine Umerziehungsprogramme zumindest für Jugendliche zu streichen. Peterson aber will mehr: Er will, dass Schwule in allen Kirchen Amerikas endlich toleriert werden.

Den Beitrag sehen Sie am Sonntag um 19.20 Uhr im Weltspiegel im Ersten.

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