Islamisten-Partei PJD hofft auf Wahlsieg

Sie gilt als der Favorit bei der Wahl in Marokko. Aber gleichzeitig ist sie auch das Schreckgespenst der herrschenden politischen Klasse. Die Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung – kurz PJD. Marokkos Islamisten träumen bei den Parlamentswahlen von einem großen Erfolg.

Von Jan Tussing, HR, ARD-Hörfunkstudio Rabat

„Das Wichtigste ist, daß das Programm des PJD stark auf die moralischen Werte des öffentlichen Lebens setzt“, sagt Saaddine al Othmani, der Parteivorsitzende der PJD. „Die Verwaltung und die marokkanische Justiz leiden an einer offensichtlichen Korruption, das ist bedeutend für den Normalbürger. Verschiedene Regierungen konnten die Korruption nicht in den Griff bekommen. Deswegen wollen wir diese Korruption bekämpfen und dem öffentlichen Leben die Werte zurückgeben.“

Saaddinne al Othmani ist ein besonnener Mann. Er wägt seine Worte ganz genau ab, denn er weiß, er steht unter Beobachtung. Seine Partei vertritt den kleinen Mann von der Straße. Die traditionellen Menschen auf dem Land, die in der Zwei-Klassengesellschaft Marokko verachtet und mit Füßen getreten werden. Und die die Nase voll haben, sich von den reichen Bonzen gängeln zu lassen.

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Vetterwirtschaft lähmt Entwicklung

„Wir reden von der großen Korruption des Staates, die Vetternwirtschaft. Es gibt Verantwortliche, die neue Beamte nicht aufgrund ihrer Leistung einstellen, sondern andere Maßstäbe anwenden. Entweder geht es um Geld oder um Parteigenossen, oder familiären Bindungen.“ Das sehe der Bürger „und ärgert sich, denn wir haben eine hohe Arbeitslosigkeit, und man kann nicht akzeptieren, dass die Verantwortlichen die Verwaltung ausnutzen, um ihre Freunde einzustellen“.

Junge Menschen verlassen das Land

In Marokko weitet sich die Kluft zwischen Arm und Reich. Steigende Preise sorgen die Menschen genauso wie die hohe Arbeitslosigkeit. Selbst Universitätsabsolventen haben keine Chance, wenn Papa nicht im Ministerium sitzt. Die grassierende Vetternwirtschaft ist die Geißel Marokkos. Sie hemmt die wirtschaftliche Entwicklung und treibt die jungen Marokkaner aus dem Land. Bereits jetzt leben vier Millionen Marokkaner in Europa.

Vorbilder AKP …

Für die Islamisten unhaltbar. Die PJD will daher soziale Gerechtigkeit und demokratische Strukturen, soweit der Islam diese zulässt. Ähnlich wie die islamische AKP in der Türkei. Alle Lebensbereiche sollen von den Grundregeln der Religion bestimmt werden. Das aber ist eine klare Kampfansage an die herrschende Klasse. Die läßt ihre Kinder nämlich in Frankreichs Eliteschulen ausbilden und sonnt sich in verschwenderischem Luxus. Ein Sieg der gemäßigten Islamisten würde ein kleines Erdbeben auslösen.

… und Christdemokratie

„Die PJD ist keine religiöse Partei sondern eine politische Partei“, so der Parteivorsitzende, „aber sie beruft sich auf die islamischen Werte. Ähnlich wie die christdemokratischen Parteien in Europa, die sich auf die christlichen Werte stützen. Es stimmt wohl, unsere Gesellschaft ist traditioneller und legt mehr Wert auf die Religion als die europäische Gesellschaft. Wir können uns keine Entwicklung eines Landes vorstellen, ohne die sozio-kulturellen Eigenheiten zu berücksichtigen, oder die religiösen Eigenheiten, oder die sozialen.“

Demokratietest für König Mohammed VI

Sollten die Islamisten siegreich aus den Wahlen hervorgehen, dann steht der König vor einem Dilemma. Zwar bestimmt nur er allein den Premierminister – unabhängig vom Wahlausgang – aber ein Wahlsieger, der nicht die Regierung stellen darf, ist eigentlich ein Verlierer und das schürt den sozialen Unfrieden im Land.

An den Wahlen wird sich Mohammed VI also messen lassen, ob er es ernst meint mit der Demokratisierung Marokkos zu der er sich immer wieder bekannt hat. Ein Prüfstein – der sich schnell zum Mühlstein wandeln könnte.

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